Vorgestern war Monsieur de Fougerais dem Marschall nach gen Wesel zu abmarschiert. Ihre Hochfürstlichen Gnaden Christoph Bernhard von Galen, Bischof zu Münster, Administrator zu Corvey, Burggraf zu Stromberg und Herr zu Bordelohe, hatten Kaiser und Reich, sowie der Republik Holland ihren französischen Trumpf ausgespielt: der Franzmann hatte es sich bequem gemacht, wie der Deutsche es gewollt hatte; und, wie gesagt, die Uhrwerke auf den Türmen vom Rhein bis zur Weser waren darob wieder einmal in Unordnung geraten und zeigten die unrichtige Stunde oder standen ganz still. Was die westfälischen Glocken anbetraf, so waren deren eine ziemliche Menge von dem hohen Bundesgenossen des biedern Reichsstandes mitgenommen worden, um in französische Geschützläufe für die Reunionskriege, den Überfall von Straßburg und den spanischen Erbfolgekrieg umgegossen zu werden.

Weiteres zu seiner Zeit. Vom Stift her wissen wir, was die Glocke geschlagen hat; Christoph Bernhard hat dafür gesorgt. Es ist vier Uhr nachmittags, und wir stehen im Bruckfelde am rechten Ufer des Flusses, der zertrümmerten Brücke gegenüber und warten auf die Fähre, die man nach dem Abzuge der wüsten gerufen-ungerufenen Gäste und Bundesgenossen aus dem Westen eingerichtet hat.

Wir warten auf einige Leute, die da kommen werden, um sich nach Huxar übersetzen zu lassen, und sie kommen auch, einer nach dem andern.

Der erste ist ein Mönch aus der Abtei, der unter dem dunkelziehenden Gewölk von dem Landwehrturm unter dem Walde, dem Solling, auf dem Feldwege her der Weser zuschreitet. Es ist der Bruder Henricus, vordem in der Weltlichkeit ein Herr von Herstelle; sein Prior, Nikolaus, vordem im Säkulum ein Herr von Zitzewitz, hat ihn vor acht Tagen mit einem Briefe an den herzoglich braunschweigischen Vogt auf dem fürstlichen Amtshause zu Wickensen abgesendet, und er hat den Brief hingetragen und kann sonderbare Sachen erzählen.

An Stelle des Vogtes hat er auf dem Amtshause Seine Fürstlichen Gnaden den Herzog Rudolf August selber vorgefunden und zwar in bester Laune, den Vorgängen und dem französischen Trubel am linken Weserufer zum Trotz. Der Herzog hatte den wohlpetschierten Brief des Herrn Priors von Corvey erbrochen, und es ist ein anderes Schreiben — französisch abgefaßt und adressiert — herausgefallen, welches die Fürstlichen Gnaden zuerst gelesen haben, zu einem Drittel mit Stirnrunzeln und für den Rest mit einem Lachen und Spott.

„Ihr tragt gewichtige Sachen im Lande Germanien um, ohne es zu wissen, Bruder,“ hat der Herzog gesagt. „Sintemalen wir nunmehro im Jahre einundsiebenzig mit Gottes Hülfe und unserer Vettern Liebden Beistand und freundlicher Handreichung unsere nunmehro zuletzt getreue Landesstadt Braunschweig mit Waffengewalt und gutem Wort uns zu Willen und Gehorsam gebracht haben, so danken wir dem Herrn Bischof von Münster, sowie den Herren Prioren, Kanzlern und Räten von Corvey, wie imgleichen dem Herrn Marschall von Turenne für freundliches Erbieten und gedenken fernerhin, wie es uns zukommt, unserer Pflicht und fürstlichen Eidleistung gegen Kaiser und Reich. Wünschen dagegen dem Herrn Marschall eine glückliche Reise gen Wesel und haben Euch, ehrwürdiger Bruder, augenblicklich nichts mitzuteilen, als daß Ihr, so lange es Euch belieben mag, unser lieber Gast sein mögt; wie wir es gleichfalls in Euer Belieben setzen werden, Euch in der Gegend umzusehen. Da uns das Stift und das königliche Hauptquartier zu Höxter aber in Eurer Person einen Mann geschickt haben, der nicht immer die Kutte trug, sondern vordem auch den Harnisch und den Kürasserhelm, so verlassen wir uns darauf, daß Ihr uns zu Hause in re militari loben und den Herren zu Huxar und Corvey nach bester Kenntnisnahme empfehlen werdet.“

Da nun der Bruder Henricus außer seinem Schreiben willig auch den mündlichen Auftrag mitgenommen hatte, sich in der Gegend rechts von der Weser umzusehen, so machte er Gebrauch von der Einladung des Herzogs. Er sah sich um, und jetzt kam er zurück, nachdem er sich umgesehen hatte. Sehen wir uns ihn jetzt vor allen Dingen selber ein wenig genauer an.

Da stand er, auf seinen Wanderstock gestützt, im Bruckfelde an dem mürrischen Strome und wartete geduldig, bis es dem Fährmann drüben am Brucktor zu Höxter gefiel, ihn herüber zu holen. Und er sah trotz seinem geistlichen Gewande wahrlich aus wie ein Mann, der wohl befähigt war, seinen Vorgesetzten über die militärischen Zurüstungen und Vorkehrungen Seiner Herzoglichen Gnaden zu Wickensen Bericht abzustatten, und zwar einen sach- und fachgemäßen. Der Bruder Henricus von Herstelle trug sein Benediktinergewand würdig und stattlich genug, doch mußte es auch dem gänzlich Unbefangenen gar nicht unglaubwürdig erscheinen, daß von dieser breiten Brust und diesen derben Schultern seiner Zeit der eiserne Panzer ohne alle Beschwerden getragen worden sei. Daß die runzlige, aber immer noch kräftige Faust vor Zeiten etwas anderes umschlossen habe als den harmlosen Stab von Weißdorn, konnte dann einem irgend aufmerksamen Betrachter auch weiter nicht zweifelhaft bleiben. Der Bruder Henricus trug dem winterlichen Tage ins Gesicht die Kapuze zurückgeschlagen und bot die Tonsur dem Wind, den vereinzelten Schneeflocken und den scharfen Schauern seines Regens frei hin. Ein Kranz grauer, ein wenig borstiger Haare umgab den runden wohlgeformten Schädel, und eine Narbe auf der Stirn sprach von anderem und wilderem Zusammentreffen als mit den Brüdern und Vätern in Gott und Jesu Christ bei der Hora und Mette. Der Junker Heinrich von Herstelle war jetzt ein alter Mann, doch jung und frisch auf den Beinen. Sein Räuspern selbst und sein Niesen klang kräftig und mannhaft, und man konnte es dem Vater Adelhardus, dem Stiftskellner, vordem ein Herr von Bruch, gar nicht verdenken, wenn er die Freundschaft und gute Kameradschaft gerade dieses ehrwürdigen Bruders jeglicher andern innerhalb der Mauern der Abtei vorzog.

„Wo die Brücke geblieben ist, kann ich mir schon deuten,“ sagte der Bruder Henricus kopfschüttelnd. „Ein Ärgernis ist es aber doch!“ fügte er hinzu, die Hand über die Augen legend und nach der Fähre ausschauend. Er hatte noch zu warten, denn der Fährmann drüben zu Höxter beeilte sich des einzelnen Fahrgastes wegen nicht. Faul hingestreckt lag er neben der Wölbung des Brückentors auf seiner Bank und wartete auch; nämlich auf die Ansammlung mehrerer Leute drüben am braunschweigischen Ufer.

Endlich kam der zweite Fahrgast. Diesmal ein altes Weibchen, das auf dem Schifferpfade von Lüchtringen her heranhumpelte, keuchend unter einem schweren Bündel; — ein altes Judenweib, unter dem Namen Kröppel-Leah dem Pöbel zu Huxar wohlbekannt, doch hochangesehen bei ihren Glaubensgenossen; — wegmatt, zeitmatt, kriegszerzaust und kriegerisch, ja kriegerisch unter ihrem Packen trotz ihrem Alter und ihrer Müdigkeit anzuschauen.