Mit tiefen Knixen und schüchternen Verbeugungen näherte sich die Greisin dem greisen Benediktinermönch, der aber neigte das Haupt, winkte mit der Hand und sagte:
„Der Gott Abrahams knöpfe dem Schlingel da drüben die Ohren auf. Tretet heran, Frau: werft Euer Bündel ab und setzet Euch. Um uns beide rührt sich der lüderliche Bursch fürs erste noch nicht.“
„Ich danke Euch, guter ehrwürdiger Herr,“ erwiderte die Greisin. „Alte Knochen, müde Füße, schweres Herz —, ich kann wohl in Geduldigkeit warten.“
„Ich auch!“ sprach der Mönch, und dann, mit einem Blick auf die durch die Wirbel des Flusses vorragenden Trümmer der Brückenpfeiler, fragte er: „Wisset Ihr, Mutter, vielleicht genauer, was das nun wieder zu sagen hat? Wenn man sich auch das Seinige zurechtlegt, so hört man doch gern eines andern Bericht. Als ich abging von Corvey, schritt ich noch trocknen Fußes über die Weser.“
Die Greisin schüttelte den Kopf:
„Ich kann es nicht sagen, ehrwürdiger Herr. Anno Siebenzig am siebenzehnten Januar hat es der Fluß selber getan. Vordem Anno Sechsundvierzig tat es der Herr Feldzeugmeister von Wrangel; vordem taten es Herr Kaspar Pflugk und die Herren Liguisten, — vordem Herr Christian von Braunschweig, den sie den tollen Herzog nannten. Dazwischen dann wieder immer der Strom selber. Ja, wer hat’s heute getan?“
Der Bruder Henricus lächelte ein wenig.
„Was Ihr mir da eben ableiert, Frau, kann ich in seiner Richtigkeit für mehr als einen Axthieb in persona bezeugen. Wo kommt Ihr denn her, Frau?“
„Von Gronau, im Fürstentum Hildesheim. Da ist meiner Schwester Sohn gestorben. Er war der letzte Mann in meinem Hause. Ich hab’ ihn sterben sehen und mir die Erbschaft geholt nach Höxter.“
„Hm!“ murmelte der Bruder Henricus und sah auf das Bündel, auf dem die Alte zusammengekauert hockte, und von dem sie aus scheu und furchtsam zu ihm seitwärts aufblickte.