Zweites Kapitel.

Um einen Mönch und ein altes Weib tu ich keinen Zug am Seil,“ brummte Hans Vogedes, der Fährmann, und räkelte sich auf seiner Bank von der linken auf die rechte Seite; und die Bürgerwacht unter dem Torbogen lachte in choro und stimmte ihm ganz und gar bei.

Es war eine wunderliche Wachtmannschaft, in deren Zusammensetzung sich die ganze Verwirrung des Gemeinwesens aussprach. Zwei Münstrisch-Corveysche Infanteristen schulterten da ihre Musketen; ein Schuster, ein Zimmermann und zwei Schneider aus dem überwiegenden lutherischen Teile der Stadtbevölkerung vom Rat aufgeboten, hatten sich sonderlich gewappnet mit Helm und Harnisch aus der Liguisten- und Schwedenzeit und lehnten martialisch an ihren Spießen und Stangen. Den Oberkommandanten des Ganzen aber, Korporal Barthold Polhenne, hatte die katholische Bürgerschaft aus ihrer Mitte unter Beistand des Stiftes und der Minoritenbrüder in der Stadt gestellt: die Ordnung, die er hielt, und die Autorität, deren er sich rühmen durfte, waren denn auch danach.

Niedergetreten vom schweren Stiefelabsatz des Herrn von Turenne, mit Kontributionen bis zum letzten ausgesogen vom Herrn von Fougerais; von der welschen Besatzung in den Häusern und auf den Gassen bis zum äußersten in alles Elend und alle Wut hineingequält — widerspenstige Untertanen Seiner bischöflichen Gnaden von Münster, hungrige Bürger der guten „Munizipalstadt Höxar“, — kurz, armes, notdürftiges, geplagtes, verwirrtes, deutsches Volkswesen, wie es aus dem Trümmerschutt des Religionskrieges aufwuchs, gleich den Wurzelsprossen um einen gefällten Baum — es sah eben böse aus in Höxter nach dem Abmarsch der hohen französischen Alliierten!

Drüben am rechten Ufer der Weser stand der Mönch bewegungslos auf seinen Stock gelehnt, und Kröppel-Leah saß auf dem Bündel mit dem Nachlaß des Schwestersohnes. Sie warteten ruhig ab, daß das Schicksal ihnen den dritten Mann sende, um den Hans Vogedes vielleicht wohl fahren mochte; und dieser dritte Mann erschien jetzt wirklich. Er kam durch das niedere Feld und die Allerwiese vom Dorfe Boffzen her, — auch ein alter Mensch, hochgewachsen, dürr, im schwarzen Rock und Untergewand, weitbeinig und energisch-eilig — Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr der lutherischen Kilianikirche zu Höxter. Es schien ihm gut zu dünken, bald nach Hause zu kommen, denn die Witterung wurde nicht freundlicher, und die Dämmerung nahm immer mehr zu. Ob der Pastor auch noch andere Gründe für seine Hast hatte, werden wir ja wohl erfahren; fürs erste, als er die stattliche Gestalt des Benediktiners an der Fährstelle zu Gesicht bekam, mäßigte er seinen Schritt; jedoch nur für die kürzeste Weile, denn sofort trat er um so kräftiger auf und heran und grüßte kurz und schweigend.

Höflich erwiderte der Bruder Henricus den Gruß; die Judenfrau erhob sich mühsam von ihrem Sitze und knixte. Es war eine seltsame Gruppe, die unter dem stürmischen, dunklen Himmel, vor den gelben grollenden, wild hinstürzenden Wassern auf das Höxtersche Fährschiff zu warten hatte; der Mönch von Corvey aber war der erste, dem das Schweigen peinlich wurde, und der also auch zuerst den Mund auftat. Wahrhaftig, es ist zweihundert Jahre her, aber auch der Bruder Heinrich von Herstelle begann mit einer Bemerkung über das Wetter, und sie hatte dieselbe Wirkung wie heutzutage.

„Es ist freilich ein rauher Tag,“ erwiderte Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr zu Sankt Kilian, nach der Stadt hinüber und auf die zertrümmerte Brücke sehend. „Ein Tag oder Abend, wie er wohl für Ort und Zeit paßt.“

„Sie haben das richtige Wort gesprochen, Herr Pastor,“ sagte der Mönch. „Obgleich ich vom Hause abwesend war, so nehm’ ich gern jede Anmerkung, die hier und heute tempora et mores in ein Gleichnis bringt, vollgeltend hin.“