Die jüdische Greisin, die sich wieder auf ihr Bündel niedergekauert hatte, bedeckte das Gesicht mit der rechten Hand und seufzte schwer und nickte verstohlen gleichfalls.

„Sie befanden sich nicht beim französischen Abmarsch im Stift, mein Pater?“ fragte der Pfarrherr.

„Ich trug einen Brief zum Herrn Herzog Rudolfus Augustus, — nämlich ich traf ihn mit Heeresmacht zu Wickensen, auf seinem Amtshause, — ich traf ihn mit Heeresmacht dort im Walde, im Solling.“

„Ei!“ murmelte der Prediger von Sankt Kilian, hoch aufhorchend. „Die Herren zu Corvey waren sich dessen vermutend? Hat der welsche Holofer —“

Er brach ab und schloß — seinerseits mit einem schweren Seufzer: „Es ist gleich; wir bleiben, wie wir sind, in der Not. Der Wille des Herrn geschehe, jetzt und immerdar.“

„Amen!“ sagte der Bruder Henricus.

Das Fährschiff ließ noch immer auf sich warten; aber das Gespräch auf dem rechten Weserufer war in Gang gekommen. Der Mönch fragte höflich und der lutherische geistliche Hirt antwortete ebenso höflich, wenngleich viel finsterer oder, sozusagen, verdrossener. Sie erfuhren beide mancherlei voneinander, was ihnen wissenswert sein mußte. Was den Bruder Henricus im besonderen anbetraf, so erfuhr der nunmehr ganz genau, in welcher Weise diesmal die Höxtersche Brücke stromab geschwommen sei und wie drüben, wieder einmal, das Haus wandlos und dachlos stehe, jedem Regen- und Sturmstoß preisgegeben. Die jüdische Greisin murmelte eintönig ihre Gebete vor sich hin, der schmutzige Fluß rauschte mürrisch, und am Brucktor von Huxar rüstete Hans Vogedes sich endlich zur Fahrt. Die sonderbare Wachtgesellschaft unter dem Tor hatte sich um einen sonderbaren Menschen vermehrt, und dieser war’s auch, der den faulen Schiffer an sein Amt trieb.

Er war die Straße herabgekommen, die Hände in den Taschen, den Hut schief auf den verwilderten Lockenkopf gedrückt, in abgetragenes gelehrtes Schwarz gekleidet, eine kurze, gestopfte, doch nicht brennende Tonpfeife im Munde, sein einziges Eigentum in dieser lustigen Welt, Quinti Horatii Flacci poemata in einem abgegriffenen Schweinslederbande im Sack und — seine eigene Version des römischen Poeten zwischen den Zähnen:

„Nun herrschet mit lockeren Flammen im Herzen

Die Thrakerin Chloe zu Lachen und Scherzen,