Den Meister Samuel samt seiner Familie nahmen sie von der Gasse vor seinem brennenden Hause, die zwei oder drei anderen Familien holten sie zusammen, und so kamen sie im greulichen Gedränge, das elende jammernde Häuflein halbnackter Menschen in ihrer Mitte, und hielten mit ohrzerreißendem Lärmen vor dem Hause der Kröppel-Leah, um auch die mit ihrem Enkelkinde abzurufen und mit den übrigen, Corvey zum Trutz, vor das Tor zu führen.
Der Mönch war aufgestanden von seinem Schemel und hatte auch das hussitische Schwert vom Boden wieder aufgegriffen; der Student aber trat den eindringenden Höxterschen Würdenträgern im Vorgemach entgegen, kümmerte sich um den Bürgermeister und den Hauptmann gar nicht, nahm dafür jedoch den Pfarrherrn von Sankt Kilian mit zärtlicher Unverschämtheit in die Arme und rief:
„Mon Dieu, der Herr Onkel — nach zwei Uhr morgens noch in der schädlichen Winterluft! Was verschafft mir die Ehre in meinem schlechten Quartier?“
„Fort, Narrenspiel!“ sagte der Alte, mit kräftiger Faust den Neffen vor die Brust schlagend und ihn von sich stoßend.
„Was wünschen die Herren?“ fragte der Bruder Henricus von der Schwelle der Kammer des Sergeanten; und der Gubernator Meyer trat geduckt vor, mit dem Federhute in der Hand, und stotterte:
„Ehrwürdiger Pater, das Haus und die Gasse ist voll von ihnen — von den Unsrigen und Ihrigen. Sie kommen und fordern alle dasselbige. Sie kommen Arm in Arm gegen die Jüden und wollen sie in dieser Nacht noch vor die Mauer setzen.“
„Und wir nehmen nur unser Recht, ehrwürdigster Herr Pater,“ rief der Bürgermeister. „Wir haben der Juden Geleit gehabt vor und nach dem Jahre Vierundzwanzig und sind durch den Frieden auch in specie dieses Punktes ganz und gar restituieret. Das weiß man zu Münster wie zu Corvey, und zu Höxter ist da kein Unterschied des Glaubens. Wir kommen alle um unser Recht.“
Der Pfarrherr von Sankt Kilian stand mit untergeschlagenen Armen und sah finster auf den Mönch; der Bruder Henricus aber sah einzig und allein auf ihn.
„Sie stehen in einem schlimmen Schein, Herr Pastore,“ sprach der Mönch. „Die Flamme des Brandes züngelt noch hinter Ihrem Rücken; hatte dieses nicht Zeit, bis die Asche und der Schutt dieser Nacht kalt geworden waren?“
„Ich komme mit den Leuten, die mir in dieser selbigen Nacht das friedliche Haus stürmten und mit Steinen auf mich und mein Weib warfen. Ändert es, Herr; — das ist Höxter und Corvey!“