„Der Herzog —“ wollte Herr Thönis Merz schwachmütig von neuem beginnen, doch der alte eifrige Prediger unterbrach ihn sogleich:

„Redet mir nicht von dem Braunschweiger. Der rückt euch nicht mehr über die Weser zur Hülfe. Ihr krochet vor ihm, wie ihr vor dem Münsterer krochet, und sie lachten hinter eurem Rücken über euch. Greifet selber an und zu, wie und wo ihr könnt, weichet nur zollbreit, rücket immer wieder zu, Artikul für Artikul; lasset euch das Geringste als das Höchste sein. Was wollt ihr noch viel verlieren?“

„Das weiß der liebe Gott!“ ächzte die lutherische Bürgerschaft von Höxter.

„Der weiß es und hilft denen, die sich selber helfen wollen,“ sprach Ehrn Helmrich Vollbort feierlich. „Lasset diese Nacht nicht vergehen, ohne daß ihr euch rührt gegen Corvey. Sie sind heimgezogen und zu Bett, wir aber sind wachgeblieben. Werfet Panier auf gegen das Stift; fordert mit heller Stimme, sei es, was es sei; lasset den Kampf nicht schlafen gehen, wie die Mönche schlafen gegangen sind. Bei Sankt Veit schwören sie, wir aber rufen den allmächtigen Gott, — voran gegen Corvey!“

„Sie haben uns der Jüden Geleit genommen; wir aber haben es auf dem Papier,“ meinte zaghaft der Bürgermeister.

„Lasset den Tag nicht dämmern, ohne daß die Abtei sich einem neuen Factum, Actum et Gestum gegenüber finde; wir sind in dem Kriege, den sie wollen, und den letzten Frieden wird Gott der Herr machen.“

„Die Jüden aus der Stadt!“ schrie gell eine Stimme aus dem Haufen, und hundertstimmig folgte der Ruf: „Fort mit den Jüden aus Höxter! Unser Recht! unser Recht! unser Recht!“

Schon drängten sich wütend die Weiber vor:

„Sie standen mit den Franzosen auf du und du! Sehet ihre Häuser, — sie blieben unversehrt, während in unseren kein Stuhl und keine Bank heil blieb! — Sie zahlten dem Turenne! sie zahlten dem Schandkerl, dem Fougerais — sie konnten sich loskaufen, und die hohen Offiziere lagen bei ihnen und ließen bei uns ihr wüstes Volk nach Belieben hausen. Die Jüden, die Jüden aus der Stadt! Weg mit den Jüden aus Höxter!“

Nun stehen auch wir abermals einem Faktum gegenüber: das Wort, das in der lutherischen Bürgerschaft fiel, fand seinen vollen Widerhall in der katholischen. Zum zweiten Mal in dieser Nacht stürzte sich ganz Höxter auf seine Juden, und selbst der Gubernator, der Herr Hauptmann Meyer, ging mit, — widerwillig freilich; aber sie zogen ihn freundlich, an jedem Arm einer — rechts die katholische, links die evangelische Kirche.