Bedeutungsvoll klappte der Dichter seine feuchte Brieftasche zusammen, und es begab sich etwas, das einem Wunder glich. Zuckriegel warf das Buch vom deutschen Gaunertum zum zweitenmal auf den Boden, doch diesmal nicht im Zorn. Er erhob sich, schritt auf den Poeten los, drückte ihm mit verdächtiger Zärtlichkeit die Hand und sagte nun wiederum in seinem Flötenton:
„Herr Krautworst, ist dieses Poem wirklich von Ihnen? Haben Sie wirklich das selbst gemacht, Sie jugendlicher Heinrich Heine, oder wie der Mensch heißt?! In der Tat, wenn Ihre bis jetzt mir leider gänzlich unbekannten Kneipenblüt — nein, Lebensblüten sämtlich aus ähnlichem Stoff zugeschnitten und verarbeitet sind, so bitte ich Sie höflichst, mir ein Freiexemplar derselben zu schicken. Hier ist meine genauere Adresse — portofrei, wenn ich so frei sein darf, Sie darum zu ersuchen. Wenn später einmal die Rückenmarksdarre —“
„Herr,“ schrie Roderich jetzt außer sich vor Zorn, „Herr, ich bin so frei, Sie zu ersuchen, mich ungeschoren zu lassen; Ihre Unverschämtheit überschreitet allmählich alle Grenzen!“
„Ruhig, ruhig, mein junger Freund,“ lächelte Zuckriegel, „Sie haben freilich ein treffliches Gedicht hervorgebracht. Genial! Ein funkensprühendes kleines Meisterwerk! Unser Lob muß Ihnen sehr schmeichelhaft sein; aber ich bitte, sehen Sie nicht zu verachtend von der Höhe, auf welche unsere Bewunderung Sie erhebt. Ich weiß, daß dem furor poeticus etwas zu gut zu halten ist; in unserer Abteilung für Geistesabwesende hatten wir —“
Professor Steinbüchse und ich erkannten zu gleicher Zeit, daß es die höchste Zeit sei, einzuschreiten. Wir überhäuften den Dichter mit ernstgemeinten und eben so ernst ausgesprochenen Lobeserhebungen. Ich machte ihn außerdem noch darauf aufmerksam, wie der Poet im schönen kalten Egoismus die Menschen nur als einen Ton, der für ihn zum Kneten und Formen geschaffen sei, ansehen müsse. Ich überzeugte ihn, daß der Prosektor nur als „Stoff“, niemals als „beleidigen könnendes“ Wesen für ihn Bedeutung und Inhalt haben könne; — Roderich von der Leine maß seinen Wert an Zuckriegels Unwert, und in erträglicher Harmonie aßen wir vier für einander geschaffene Charaktere zu Nacht. Aber nach Tisch erhob sich eine ungeheuerliche Schwierigkeit.
Als wir uns nämlich nach unsern Schlafgemächern erkundigten, verkündigte der Hospes, daß er uns nur zwei Kammern zur Verfügung stellen könne, und daß die Herren sich drein finden müßten, zu zwei und zwei in einem Zimmer zu schlafen; die Betten aber seien ausgezeichnet und ließen nichts zu wünschen übrig; beide Kammern seien auch nur durch eine Wand voneinander getrennt und hätten beide die Aussicht auf den See.
„Worauf ich huste!“ sagte Zuckriegel. „Herr Krautworst, wir beide schlafen zusammen, — und am liebsten unter einer Decke. Wir haben uns noch nicht völlig gegeneinander ausgesprochen und werden nunmehr die angenehmste Gelegenheit dazu haben; ich pflege gewöhnlich erst gegen Morgen einzuschlummern.“
Roderich sah auf den Prosektor wie die böse Stiefmutter auf das Faß voll scharfer Nägel und Ottern, in welches sie gesteckt werden sollte. Entsetzen, Abscheu, Ekel und Angst malten sich in seinen weichen Zügen.
„Wir übernachten natürlich zusammen,“ flüsterte ich ihm zu. „Sie sollen gerächt werden, wie Sie es nur wünschen können; Steinbüchse und Zuckriegel werden zusammengepackt.“
Der Dichter drückte mir gerührt unter dem Tische die Hand und verließ ihn — nämlich den Tisch — so eilig als möglich, um für mich und sich unter dem Vorleuchten des Wirtes Besitz von dem einen Schlafgemach zu ergreifen.