„So,“ sprach der fröhlich lächelnde, sehr befriedigte Beamte, „jetzt wollen wir dem Abgeschiedenen das Seinige zurückerstatten, und dann, mein lieber Herr, bitte ich, meine gehorsamsten Empfehlungen an Ihre gelehrten Freunde zu bestellen. Die zurückgelassenen Gegenstände verbleiben natürlich den Leuten für ihre gehabte Mühe. Küß’ die Hand und bitt’ mir auf ein andermal die Ehr aus.“

Damit empfahl sich der Inspektor und ging, seinen Kelten wieder zusammenzuflicken. Ich ging auch und stieg langsam nach Hallstadt hinunter, mußte aber alle fünf Minuten stehen bleiben, um meiner inneren Heiterkeit Luft zu machen, und der Phantasie Freiheit zu lassen, sich das demnächstige Wiederfinden beim Seeauer auszumalen. —

Unter der Hinterpforte des Gasthauses stand Roderich von der Leine und sah, wie es schien, sehr aufgeregt in den Regen hinaus. Er hatte sich nach seinem Ausflug zum Waldbachstrub wieder ins karrierte Kostüm werfen müssen und erwartete mich mit prickelnder Ungeduld. Als er meiner ansichtig wurde, begann er, mit erhobenen Händen winkend, einen Tanz des Entzückens.

„Da sind Sie! da sind Sie endlich! O Freund, was für eine Geschichte! Herrlich! prachtvoll, o ich kann nicht mehr!“ schrie er mir entgegen.

„Wo sind die beiden andern Herren?“ fragte ich mit möglichster Gefaßtheit, doch der Dichter war zu aufgeregt, um einen klaren Bericht erstatten zu können; nur das verstand ich zu meinem Leidwesen, daß der Professor Steinbüchse aus Berlin bereits, „naß wie ein Kater und in einer alten Mütze des Wirts“, einen Einspänner gemietet habe und außer sich vor Wut nach der Gosaumühle abgefahren sei.

„O, wie haben sie sich noch gefaßt! O, was haben sie noch einander gesagt! O, wie sahen sie aus!“ schrie Roderich, und ich schritt, von ihm gefolgt, in die Gaststube.

Da saß Zuckriegel! Ein Bild äußerster, menschlicher Wut und ohnmächtigster Empörung. Er hatte seinen Anzug nicht gewechselt, und nur um den kahlen Kopf einige bunte Taschentücher gewickelt. Als er mich erblickte, stieß er ein zischendes Geheul aus und umfaßte besagten Kopf mit beiden Händen; zähneknirschend, wutwimmernd spie er mir, sozusagen, die Fragen entgegen:

„Wissen Sie’s? Haben Sie’s gehört? Wissen Sie, wie’s abgelaufen ist?“

„Nur im Umriß, Herr Prosektor.“

„O der Halunke, der Halunke, der niederträchtige Berliner Halunke! Ich sage Ihnen, wir wären durchgekommen; ich sage Ihnen, wir hätten das Unsrige davongetragen, ohne den Jammermann! Was tut er in seiner erbärmlichen Angst, als uns das nachsetzende pecus an einer Stelle etwas näher rückt? Meinen Schädel wirft er den Verfolgern vor, höchstwahrscheinlich, um sie aufzuhalten, und damit ich mich mit seinem rostigen Blechwerk desto sicherer rette. Wütend werfe ich natürlich auch das alberne Käsemesser mit demselben Recht zum Henker und heiße ihn im Rennen und in meiner Verzweiflung und Raserei einen Hornochsen oder dergleichen. Da schleudert die Bestie auch meine Armknochen und Rippen von sich und schreit: Hornochse? da! da! so mag denn alles zum Teufel gehen! Ich werfe ihm natürlich das andere alte Eisen an den Kopf, und hinter uns brüllen die Lümmel wie der Satan; denn sie scheinen zu wissen, daß sie nun alles wiederhaben, was wir mit so vieler Mühe aus ihrer verdammten Wildnis ihnen abgeholt hatten. Sie ließen uns laufen, und — hier — hier sitze ich, und meine Atzel ist auch zum Teufel. Herrgott, Herrgott, wenn es doch eine ewige Gerechtigkeit gäbe! Oleum et operam perdidi, das Öl auf dem verruchten Wege nach dem Rudolfsturm und die Gelegenheit, den Berliner Ignoranten und Hasenfuß durchzuprügeln, eben jetzt. Den Tag vergesse ich nicht, und wenn ich tausend Jahre alt würde; — wenn ein Objekt, auf das ich von Rechts wegen als tot Ansprüche hätte, mir unter dem Seziermesser, vor dem ersten Schnitt wieder aufleben würde, könnte ich keine blutigeren Tränen weinen. Ach, es gibt keine Gerechtigkeit — keine Gerechtigkeit in der Welt!“