Mit einem Krach öffnete sich jetzt das Schloß; die Maid schlug den Deckel des Kastens zurück, mit gierig funkelnden Blicken schossen die zwei Gelehrten vor, — da lag der Kelte oder Urgermane wohlerhalten, ruhig und behaglich auf der linken Seite, das Schwert zur Seite, auf der Brust eine grüne Spange, die einer plattgesessenen Sofasprungfeder ungeheuer ähnlich sah. Es war, als spiele ein schlaues Lächeln um das entblößte Gebiß des Skeletts, ein Ausdruck, wie: Komm und küß mich! und Zuckriegel hätte letzteres mit Wonne getan.

Nun aber geschah es wieder einmal, daß ein wohlerdachter, fein zurecht gelegter Angriffsplan von der Hast und Gewalt des Augenblicks über den Haufen geworfen wurde. Die Gier der beiden wissenschaftlichen Leichenräuber litt es nicht, daß ich meinem Versprechen, die Aufmerksamkeit der Jungfrau durch Liebenswürdigkeit zu fesseln, nachkommen konnte.

Mit einem Schrei, der aus dem Tierreich zu stammen schien, stürzten sich Zuckriegel und Steinbüchse auf den Kelten und griffen zu. Einen Schrei stieß aber auch das Mädchen vom Rudolfsturm aus:

„Hilfe! Räuber! Diebe! Heilige Jungfrau! Maria und Joseph! Maxerl! Herr Inspektor! Franzel! Hilfe um Gott und Jesu, s’ gehet mit’s G’ripp durch!“

Und aus dem Loche sprangen Steinbüchse und Zuckriegel, der erste nach des Geschickes Willen mit dem Schädel des Kelten in der einen Hand und mit zwei riesigen Armknochen und einem Rippenstück im andern Arm! der zweite hatte das Bronzeschwert, die Brustspange und verschiedene sonstige antiquarische Kleinigkeiten gegriffen. Über Moos, Gestein und Gestrüpp flogen sie, die Regenschirme zurücklassend und die Hüte verlierend. Ich sank, halb ohnmächtig vor Entzücken, auf den nächsten Baumstumpf.

Aber ringsumher regte es sich. Von allen Seiten strömten auf den Hilferuf der Jungfrau rüstige Nachkommen des fraglichen Kelten oder Germanen herzu, einige mit Äxten, andere mit mächtigen Knüppeln. Einige atemlose Worte der Maid genügten, um sie den Spuren der Räuber, deren flatternde Rockschöße eben in der Tiefe des Waldes verschwanden, nachzusenden. Fern verhallte der Lärm der Flucht und Verfolgung, und ich ließ mich, ohne Widerstand zu leisten, als verdächtigen Spießgesellen der Knochendiebe durch den Regen vor den erstaunten Salzinspektor führen.

Nicht leicht wurde es mir, meine Unschuld an dem unglaublichen Vorfall zu beweisen. Man sprach davon, mich in Eisen nach Salzburg transportieren lassen zu wollen; man sprach in immer höherem und schärferem Ton, doch ich hielt gut, blieb kühl und gelassen und verwies auf meine Papiere, welche mich als einen anständigen Menschen und harmlosen Touristen und keineswegs als einen Gelehrten oder Leichenräuber darstellten. Es wäre auch sehr merkwürdig gewesen, wenn sich vor der hohen sittlichen Entrüstung, die auch ich über den schändlichen Vorgang an den Tag legte, die Zorneswogen des verständigen Mannes und Beamten, der mich verhörte, nicht gesänftigt hätten. Auch die zurückgelassenen Regenschirme und Hüte, sowie das seidene Taschentuch Steinbüchses, welches von einem loyal gesinnten Dornstrauch festgehalten war, trösteten. „Verehrter Herr,“ sagte ich, „Ihr antediluvianischer Leichenacker scheint sehr ausgedehnt zu sein; lassen Sie einen andern Urgermanen bloßlegen und Ihren Kasten mit Klappe, Schloß und Riegel darauf setzen. Was liegt Ihnen an dem einen Kelten? Daß Sie durch ruhiges Nachsehen der Wissenschaft, der Osteologie und Altertumskunde vielleicht einen unendlichen Dienst leisten, muß Sie außerdem warm anmuten.“

„Wir wollen sehen, was die Leute zurückbringen,“ sprach der Beamte. „Eher lasse ich Sie nicht los, Herr …“

Ein rauhes Siegesgeschrei vor der Pforte des Rudolfsturmes unterbrach ihn; — die Verfolger brachten alles zurück, Schädel und Armknochen, Rippen, Schwert und Spangen, und außerdem die Perücke Zuckriegels und die Brille Steinbüchses. Steinbüchse und Zuckriegel selbst hatten sie laufen lassen.

„S’ habet alles hinter sich g’worfen, und d’ Atzel und d’ Brill habet s’ verloren!“ jubelten die Unholde.