„Ich auch! Das übrige liegt in der Hand der Götter,“ sagte Steinbüchse selbstbewußt, und durch Sumpf und Moos, tropfende Brombeerstauden und sonstige Hindernisse wanden wir uns dem Leichenacker zu.

Man hat eine eigentümliche Vorrichtung getroffen, um die aufgedeckten Gräber mit ihren Gerippen zu konservieren und sie dem neu- oder wißbegierigen Publikum gegen eine Gratifikation vorweisen zu können. Über das vorsichtig aufgegrabene und in seiner Lage unverrückt erhaltene Skelett ist ein hölzerner Kasten in die Erde gesenkt, ein sargähnlicher Kasten mit einer Klappe und einem großen Vorlegeschloß. Publikus versammelt sich um diesen Kasten, die Gebirgsmaid versucht längere Zeit vergeblich, den rostigen Schlüssel in das Schloß zu zwingen; endlich springt der Deckel auf, Publikus reckt den Hals, stellt sich auf die Zehen und gibt seine Befriedigung, sein Interesse, seinen Abscheu und selten sein Mitleid in Worten und Gesten kund. Publika kreischt natürlich auf, weil sie keine Gerippe sehen kann.

Diese armen toten Krieger, Weiber, Jünglinge und Jungfrauen! Es ist nicht angenehm, sich nach so vielen Jahrhunderten ruhigen, ungestörten Schlafes von einem so verzerrten, verkümmerten, närrischen Geschlecht wecken und angaffen lassen zu müssen. Wie wäre es, wenn plötzlich solch ein tausendjähriges zerfallendes Gebein sich rasselnd zusammenraffte, aufrichtete, den Schlaf aus den hohlen Augenhöhlen riebe und ärgerlich nach dem Bronzeschwert griffe, um unter die Hämorrhoidarier, die Krinolinen, Professoren und gähnenden Reisebummler zu fahren?

Das würde ein lustiges Laufen und Springen bergab werden; was würde das neunzehnte Jahrhundert alles verlieren auf dem Schlangenwege nach Hallstadt hinunter! Was würde der alte Kelte oder Germane alles aufraffen können an Brillen, falschen Locken, Schnupftabaksdosen, Sonnen- und Regenschirmen, Gummischuhen, Plaids, Lorgnetten! Hussah, was für eine Reiseerinnerung würde das sein, meine Herren und Damen, wenn man wieder sicher auf der Eisenbahn oder zu Hause säße und des vorweltlichen Spukes gedächte!

Aber ich schweife ab; ich habe ja auch noch von einem Bergunterlaufen und Springen zu erzählen, bei welchem ebenfalls mancherlei auf dem Wege verloren wurde, was der verfolgende Rächer der Toten von Rechts wegen für gute Beute erklärte. —

Das Mädchen vom Rudolfsturm kniete neben ihrem Kasten und mühte sich mit steigendem Verdruß an dem widerspenstigen Schloß.

Zuckriegel griff nach der Hand Steinbüchses, drückte sie bedeutsam und ermutigend, ließ sie fahren und flüsterte:

„Bruder! Kollege! Jetzt gilt’s! Mut, Mut! Jeder greift nach dem, was er packen kann — ohne Unterschied der Wissenschaft! Bruder, unten am Berg sortieren und teilen wir brüderlich!“

Mir rief er laut zu:

„Memento! cedo tibi puellam!“ zu deutsch: „Achtung, mein Bester! führen Sie die Jungfrau abseits!“ —