An die Rippen pochte das Männerherz, als wir vor dem vom Kaiser Albrecht errichteten Gemäuer standen und die Glocke des jetzt darin hausenden königlich-kaiserlichen Salzinspektors zogen, um zuerst in das in dem Turm angelegte kleine Museum von aufgefundenen Altertümern, Ammoniten und sonstigen Merkwürdigkeiten eingelassen zu werden. Eine Maid beaufsichtigte uns dabei, und es interessierten mich vorzüglich in dieser Sammlung die keltischen oder urgermanischen Punschbowlen, welche mit vielem Geschick und Geschmack gearbeitet, aber leider sehr verrostet waren. Hier versuchten wir noch nicht zu stehlen, denn es wäre doch zu gewagt gewesen; aber Zuckriegel benutzte den Moment, in welchem die Aufmerksamkeit der Gebirgsmaid ganz von dem Vergnügen an dem über ein grün angelaufenes priapisches Scheusal in Entzücken geratenen Steinbüchse in Anspruch genommen war, um mich am Knopf zu fassen und mir zuzuzischeln:
„Mein Bester, von Ihnen allein hängt’s jetzt ab, ob ich den Zweck meiner Reise erreichen soll. Jedenfalls wird uns dieses Frauenzimmer zu der Gräberstätte führen; — Sie sind ein hübscher, gewandter Mensch — merken Sie auf — Sie sind mein Freund, Sie sind — die Person guckt her! — kurz, führen Sie sie ab — halten Sie ihre Aufmerksamkeit nur einen kurzen Augenblick fest — ich werde Ihnen ewig dankbar sein; — das Mädchen ist gar nicht übel; lassen Sie sich einen Kuß, nur einen einzigen Kuß geben, wenn wir an den Knochen der Vorwelt stehen. Auf einen Kuß kann es Ihnen doch nicht ankommen, wenn es einen so erhabenen Zweck wie die Osteologie gilt.“
„Man sieht doch, daß Sie aus Ihrer Reiselektüre etwas gelernt haben; aber wollen Sie mich denn ohne alle Gewissensbisse Ihrem wissenschaftlichen Drange, Ihren wüsten Begierden opfern?“ fragte ich vorwurfsvoll.
„Keineswegs, Verehrtester! Was riskieren Sie? Ich reiße mit meinem Schädel aus; Steinbüchse mag für sich selber sorgen, und es würde weder Sie noch mich kränken, wenn man ihn am Kragen nähme. Sie selber, Bester, kommen als unbeteiligter, harmloser Tourist unschuldig, kühl und langsam nach. Am Seeufer, beim Seeauer treffen wir wieder zusammen und feiern den Sieg, und zu allem übrigen schicke ich Ihnen auch gleich nach meiner Heimkehr meine Abhandlung über die Schädelbildung der ältesten, alten, neuen und neuesten Völkerstämme. Was sagen Sie dazu? Können Sie noch widerstehen?“
„Nein!“ sagte ich. „Hier haben Sie meine Hand darauf; an mir soll’s nicht liegen, wenn Sie Ihres Herzens Wunsch nicht durchsetzen. Lassen Sie uns denn gehen.“
„Nun, mein reizendes Kind,“ sagte Zuckriegel kosend, indem er leise wie eine Blindschleiche zu der bergbewohnenden Schönen schlüpfte, „nun, mein Engel, diese angenehmen Kleinigkeiten haben wir jetzt zur Genüge betrachtet; wie wär’s denn nunmehr mit den Gräbern, meine Rose an den Gräbern?“
Er wollte, um sich mehr einzuschmeicheln, der Holden die Wangen streicheln, doch sie wich böse vor seiner Prosektorhand zurück und suchte aus ihrer unter der Schürze hängenden Ledertasche einen verrosteten Schlüssel hervor, indem sie mit einem Trinkgelderblick uns aufforderte, ihr zu folgen.
„Eine wirklich allerliebste Türhüterin an der Pforte der Unterwelt, Herr Kollege!“ sagte Zuckriegel sehr laut zu dem Gelehrten aus Berlin; aber Steinbüchse flüsterte nur:
„Jetzt gilt es! Versäumen Sie ja den günstigen Augenblick nicht. Können Sie laufen?“
„Mit meinem Schädel wie eine telegraphische Depesche.“