Niemals hatten zwei determiniertere Strauchdiebe sich die Korbflaschen vom Hospes mit Rum füllen lassen, als diese beiden akademischen Raubgenossen. Leonidas in den Thermopylen, Curtius, als er in den Schlund sah, ehe er hinabsprang, und aus neuerer Zeit Blücher, als er auf dem Wege von Ligny nach Waterloo sagte: „Es ginge eigentlich nicht, aber es muß gehen!“ mochten ähnlich geblickt haben wie Zuckriegel und Steinbüchse in diesem feierlichen Moment. Auch ich reichte meine Reiseflasche dem Wirte, und dann — dann brachen wir im ahnungsgrauen Morgennebel und hartnäckigsten Platzregen todesmutig auf, und Roderich von der Leine sah uns fröstelnd in unwillkürlicher widerwilliger Bewunderung nach. Vielleicht war er in seiner Hinfälligkeit einen Augenblick lang sogar neidisch auf den gehaßten, aber stahlherzigen anatomischen Reisegegner.

Da Zuckriegel und Steinbüchse jetzt die ersten Schritte in die wunderlichen Gassen Hallstadts taten (sie hatten es bis jetzt nicht der Mühe wert gehalten, die Nase aus dem Gasthaus herauszustecken), so äußerten sie ebenfalls einiges Erstaunen über die Treppen, und Steinbüchse versicherte, so etwas kenne man gottlob in Berlin nicht. Im steilen Zickzack lief aber die Treppe von den letzten Häusern aus weiter den Berg hinan, bis sie nach einer Viertelstunde in einen ebenfalls im Zickzack laufenden dichtbeschatteten Fußweg überging. Der Pfad nach dem Rudolfsturm ist schwer zu verfehlen, selbst für zwei Gelehrte, deren Gedanken außerhalb ihres Pfades laufen.

Munter, aber stumm stampften Steinbüchse und Zuckriegel zu; unterhaltend war ihre Gesellschaft bis jetzt noch nicht. Beide hatten die Hüte so tief als möglich auf die Nasen herabgezogen, beide hatten die Regenschirme so dicht als möglich auf die Filzdeckel herabgezogen, beide taten nicht einen einzigen Fehltritt, obgleich der Weg sehr aufgeweicht und schlüpfrig vom Regen war. — Beide sahen aber auch nichts von dem, was man durch die Lücken und Einschnitte in der triefenden Waldung erblicken konnte, nämlich den großartigsten Teil des Seekessels mit allen kochenden, wallenden Nebeln und Dünsten. Ihre Gedanken waren bei den Knochen und jeder überdachte bei sich die verschiedenen Strategeme großer Feldherren, die auch ausgezogen, um etwas „an sich zu nehmen“ oder sich „ihres Rechtes zu bedienen“.

So eilte ich denn den beiden wundervollen Burschen von Zeit zu Zeit ein wenig voraus, um dann das Recht zu haben, an der passenden Stelle stehen zu bleiben und die sich immer mehr erweiternde Aussicht zu genießen. Wenn die beiden Regenschirme dann allmählich sich zu mir emporarbeiteten, stieg auch ich weiter. Plötzlich fiel auf halbem Weg, nicht des Menschenlebens, sondern des Saumpfades, mein Blick auf eine sehr nasse Bank, über welche eine, wie es schien, nicht neue Inschrift zum Lesen und Nachdenken aufforderte; — die beiden Regenschirme waren wieder ganz in meiner Nähe, und ich stand und las:

„Hier hat gerast der hochlöbliche römische König Maximilian, als er gangen ist, die Salzperg zu besehen, den fünften Tag Januarii Anno Fünfzehnhundertundvier.“

„Wer hat hier gesessen? Wo hat wer gesessen? Wann hat wer hier gesessen?“ schrie in demselben Augenblicke Professor Steinbüchse aus Berlin, tigerhaft heranspringend und mich ohne weitere Umstände beiseite schleudernd, ehe ich antworten konnte:

„Kaiser Maximilian der Erste, sonst auch der letzte Ritter von Anastasius Grün in Wien.“

Professor Steinbüchse überzeugte sich von der Wirklichkeit des Faktums, notierte die Inschrift in seinem Taschenbuch und setzte sich auf die nasse Bank, um auch diesen Eindruck an und in sich aufzunehmen. Zuckriegel aber schritt verachtungsvoll vorüber, ohne einen Blick auf die ewig denkwürdige historische Stelle zu werfen.

„Mir ganz einerlei, wer da gesessen hat, ob Sie, Kollege, oder der König Maximilianus; wenn ich nur meinen Schädel bekomme,“ sagte er.

Diese Bemerkung trieb auch den Professor frisch wieder vorwärts, und nach einer halben Stunde weitern Kletterns erreichten wir den Rudolfsturm und damit den Schauplatz der größten Abenteuer.