Um neun Uhr wollte man aufbrechen zu diesem neuen Argonautenzug, Raub der Helena oder Raubzug ohne Umschweife. Es schlug eben acht, ich hatte also vollkommen Zeit, in Behaglichkeit ebenfalls Kaffee zu trinken und das Erwachen des Poeten zu erwarten.

Gegen halb neun Uhr erschien Roderich von der Leine, dieses Mal wieder in seinem weißen Kostüm. Jetzt hing der karrierte Anzug auf der Leine am Küchenherde, und wurde von vielen Gebirgsbewohnern, die in ebengenannter Küche sonst nichts zu suchen hatten, angestarrt, betastet und grinsend bewundert.

Die Begrüßung zwischen dem Dichter und den beiden andern Herren hatte ihre Reize für den aufmerksamen Beobachter; aber Zuckriegel hatte seine Galle und Bosheit in der Nacht so reichlich ausgeströmt, daß er am frühen Morgen verhältnismäßig matt war; seine Stimmung war ungefähr die einer Brillenschlange, welcher der fromme, aber schlaue Hindu einen Flanellappen vor die Zähne geworfen hat, und welche ihr Gift daran losgeworden ist. Als ich jedoch dem trefflichen Jüngling Hannovers meine Absicht, die beiden Gelehrten auf ihrem gefahrvollen, aber ruhmreichen Wege zu begleiten, mitteilte, da fuhr er, ohne der Zuckriegelschen Mildigkeit zu trauen, erschreckt vom Stuhle auf, warf ihn und den Milchtopf um, zog mich in einen Winkel und flüsterte:

„Ich bitte, ich beschwöre Sie! Was wollen Sie tun? Bleiben Sie bei mir, gehen Sie nicht mit diesen zwei seelenlosen Ungeheuern. Ich habe es mir überlegt, man kann Hallstadt nicht verlassen, ohne den Schleierfall, den Sprattenfall, den Waldbachstrub gesehen und einen entzückten Blick auf den Dachstein und das Karlseisfeld geworfen zu haben. Man würde uns auslachen, wenn wir ohne diese Erinnerung heimkehrten; — ich flehe Sie an, rennen Sie nicht in Ihr Verderben, gehen Sie mit mir; ich habe Ihnen noch so vieles zu sagen, wir sympathisieren so vortrefflich miteinander. Auf dem Wege nach dem Rudolfsturm regnet es ebenso sehr wie im Echerntal, o kommen Sie mit mir!“

Wenn mich etwas dazu hätte bringen können, den glänzenden Fußstapfen des göttlichen Sängers zu folgen, so wäre es die letzte so unbeschreiblich wahre Bemerkung gewesen. Aber mein Entschluß stand fest; ich wollte mich lieber auf dem Wege nach den unbekannten Knochen als nach dem Waldbachstrub auswaschen lassen. Ich ziehe überhaupt der schönen Natur eine schöne Menschenseele weit vor, und um Zuckriegels und Steinbüchses Gesellschaft an diesem Morgen hätte ich alle landschaftlichen Herrlichkeiten des Salzkammergutes samt dem himmlichsten Sonnenscheine mit tausend Freuden fahren lassen, und alle Singvögel und frommen Tiere des Waldes gratis zugegeben.

Ich entzog mich also mit bedächtigem Hauptschütteln den umschlingenden Armen des Verfassers der Lebensblüten und sagte:

„Teuerster Freund, ich kann Sie nicht zwingen, uns zu folgen, aber ich wollte, ich könnte es. Wann wird Ihnen ein besserer Stoff zu einem Lustspiel wieder vor die Füße laufen?“

Roderich von der Leine stutzte, sah auf, sah auf mich, sah auf die beiden Gelehrten, welche eben in grimmiger Entschlossenheit ihre Reisetaschen packten und Platz für ihre Beute darin ließen; — einen Augenblick glaubte ich, sein Schicksal an das unsrige gebunden zu haben; aber im nächsten Moment sank er wieder in sich zusammen und seufzte:

„Ich kann es nicht! Ich vermag es nicht! Ich kann diesen Menschen nicht länger ertragen. Heute beim Erwachen nach dem Triumph der Nacht glaubte ich fest, daß es mir möglich sein würde; aber ich habe mich getäuscht; ich bin der Vogel, und er ist die Schlange, welche mich mit ihren giftigen Blicken verzaubert. Ich kann den Kerl nicht einmal mehr von hinten ansehen.“

Da ich sah, daß alle weitern Überredungsversuche vergeblich sein würden, überließ ich den nervenschwachen Dichter seinen einsamen Wegen und wandte mich zu den beiden wissenschaftlichen Abenteurern; ihre wahrhaft antike Ruhe erfüllte mich mit neuer Bewunderung.