„Um alles in der Welt nicht!“ bat der Poet. „Stören Sie ihre Kreise nicht! Gallenfieber? Bah, sehen Sie nur in die Jahrbücher für Philologie, in ihre medizinischen Zeitschriften. Sie können viel vertragen, ohne Schaden an ihrer Gesundheit zu leiden. Hören Sie nur, da geht der Berliner wieder ins Zeug. So ist’s recht! Faß ihn, Professor — drauf! drauf! Hurrah, der Hieb saß! Das nenne ich ausgeschmiert!“
Ein Gepolter hinter der Wand folgte auf und unterbrach den Jubel des Dichters; auf das Gepolter erscholl ein dumpf dröhnender Fall, mit beiden Füßen fuhren Roderich und ich diesseits aus unseren Betten; denn nun schien es doch wieder Menschen- und Christenpflicht geworden zu sein, das Blutvergießen zu verhindern. Aber eine höhere Macht war bereits eingeschritten.
Wohl sang Professor Steinbüchse aus Berlin Io triumphe; doch Prosektor Zuckriegel faßte ihn nicht mit seinem guten Gebiß an der Kehle. Wohl war Prosektor Zuckriegel vom Lager aufgesprungen, um den Gegner zu packen; doch der Geist besiegte den Geist, der wackere Anatom hatte viel zu viel Punsch getrunken; er maß den Boden seiner ganzen Länge nach und schnarchte wie ein Kind an der Brust seiner Mutter, nur etwas lauter.
Noch fünf Minuten gluckste der Professor triumphierend, dann entschlummerte auch er, alle Register seines Nasen-, Kehlkopf- und Gaumen-Systems ziehend. Nun hielten die beiden Würdigen doch das sich selber und mir gegebene Versprechen; sie schnarchten, allein erst nach dem Kampfe.
Diesseits der Wand horchten wir noch eine Weile, aber da das Sägen, Blasen und Raspeln immer regelmäßiger, wenn auch nicht melodischer wurde, so überließen auch wir uns dem balsamischen Schlaf. Roderich entschlief mit einem Ach der unsäglichsten Befriedigung. So war Zeus’ Wille für heute vollendet; wie sich aber die Dinge am nächsten Morgen gestalten sollten, das lag ebenfalls auf dem Schoß des Wolkenversammlers. — Warum regnete er uns fest am Hallstädter See? —
Ich hatte mir vorgenommen, früh wieder aufzuwachen, um beim ersten Erscheinen Zuckriegels und Steinbüchses zugegen zu sein und pflichtmäßig als höflicher und auch jüngerer Mann mich nach der Nachtruhe der beiden Herren zu erkundigen. Als ich aber die Augen aufschlug, merkte ich, daß auch ich meine moralischen Kräfte gleich den beiden Gelehrten ein wenig überschätzt hatte, und als ich halbbekleidet zum Fenster eilte, um mich auch durch den Augenschein zu überzeugen, daß der Regen noch nicht zu Ende sei, erblickte ich zu meinem höchsten Erstaunen unter zwei Regenschirmen vier graue Beine, welche einander entgegen vor dem Gartenpavillon auf- und abliefen. Und als der Wind zu gleicher Zeit aus den Regenschirmen zwei Tulpen bildete, da sah ich mit zweifelnder Verwunderung, daß sie es waren — sie — Zuckriegel und Professor Steinbüchse.
Der Dichter suchte höchstwahrscheinlich in seinem tiefen Morgenschlummer einen Reim auf Mensch; denn er stöhnte fürchterlich und griff ängstlich mit krampfhaftem Zucken der Hände auf der Bettdecke umher. Ich fühlte mich nicht berufen, ihm aus dem Dilemma zu helfen; in beflügelter Eile machte ich Toilette, um mich den beiden grauen Lustwandlern im Garten anzuschließen und zu erkunden, welch ein Geist diese Peripatetiker nach solcher stürmischen Nacht in solcher Weise neben- und gegeneinander am nebelverhangenen Ufer des Hallstädter Sees auf- und abführte.
Ich eilte die Treppe hinab, rief nach dem morgendlichen Kaffee, trat dann, ebenfalls unter aufgespanntem Regenschirm, in den Garten und schloß mich mit unbefangenster Miene den zwei Weltweisen an, um ihnen das, was ich ihnen freilich nicht geben konnte, zu bieten, nämlich einen guten Morgen.
Sie sahen verstört, übernächtig und verdrießlich genug aus: aber bewundern mußte sie jeder denkende Mensch; und ich, der ich für jedes geniale Sichfinden in die Stunde und ihre Verhältnisse einen feinen und freien Blick habe, ich fühlte plötzlich eine Achtung für sie, von welcher ich bis dahin keinen Begriff gehabt hatte.
Wie sank Roderichs von der Leine kleinliche, aber unversöhnliche Gereiztheit vor der wahrhaft großartigen Charakterentfaltung dieser beiden Männer der Wissenschaft auf ihr rechtes Maß herab! Zuckriegel und Steinbüchse hatten sich auch gegenseitig gereizt, hatten sich schöne Dinge gesagt; aber was war ihre Persönlichkeit gegenüber den hohen Zwecken ihres Daseins am Hallstädter See? Die gelehrten Leidenschaften, welche nächtlicherweise die Seelen der zwei streitbaren Helden so furchtbar gegeneinander empört hatten, lagen geduckt, so weit es möglich war, am Boden. Die spirituosen Wolken, welche das Gehirn der Kämpfer füllten, hatten sich bis auf einen leichten, schleierartigen Dunst verzogen; Zuckriegel war zu groß, die Brausche seiner Stirn an dem Professor zu rächen, und Steinbüchse aus Berlin war zu geistig-klar, um sich zu erinnern, daß er um Mitternacht ein „blödsinniger Esel“ genannt worden sei. Von den Erinnerungen des letzten Tages und der vergangenen Nacht waren nur die vertraulichen Mitteilungen der behaglichen Abendstunden, als der Punsch noch nicht gewirkt hatte, übrig geblieben: Steinbüchse hatte Zuckriegel ins Ohr geflüstert, daß auch er gekommen sei, um auf dem Leichenacker des unbekannten Volkes am Rudolfsturm sich nach „etwas Brauchbarem umzusehen“, und im Fall man es nicht willig, billig oder gegen gute Worte ablassen werde, sich „seines gelehrten Rechtes“ zu bedienen. Da nun des Professors Blick mehr auf bronzene Fibulae, Nadeln, Schwertgriffe und Pfeilspitzen gerichtet war, der Prosektor aber nur Knochen, Knochen, Knochen für seine Sammlung gebrauchen konnte, so kamen die beiden lüsternen Gemüter einander hier in keiner Weise ins Gehege. Sie hatten sich also über ihren dampfenden Gläsern innigst die Hände geschüttelt, und um einander die Jagd nicht zu verderben, gegenseitig geschworen, nur in Gemeinschaft darauf ausgehen zu wollen, und sich in allen Fährlichkeiten des Unternehmens mit Beredsamkeit, List, ja mit Gewalt gegenseitig beizustehen. Die Vorgänge der Nacht konnten an diesem Feldzugsplane nichts ändern, und so liefen die gelehrten Verschwörer nach eingenommenem Kaffee im Garten am See auf und ab, und sahen sich bei jedem neuen Vorüberstreifen mit finstern Blicken und Widerwillen, aber doch ohne Mordlust an.