aber ich ruhte, „vom Geplätscher in den Schlaf gerauscht“, zu sicher, um die üppigen lateinischen Schulreminiszenzen Roderichs noch weiter zu verfolgen; der See und der Regen übten denselben beruhigenden Einfluß auf mich, wie der letztere einst auf den Elegiker Albius Tibullus.
Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht; aber mir hatte schon längere Zeit geträumt wie dem Ritter Don Quixote, daß ich mich im Lager des Agramant befinde und gleich dem König Sobrino berufen sei, die ausgebrochene Verwirrung zu lösen, als ich plötzlich durch das Geflüster Roderichs von der Leine geweckt wurde:
„Liebster Freund! bester Freund! Sie haben sich! Sie liegen sich in den Haaren! Horchen Sie! Hören Sie! ah!“
Eben noch hörte ich Messer Ludovico Ariosto beim Schreiben seines rasenden Rolands lachen und sah ihn sich den dünnen Bart streichen; nun lag ich wieder beim Seeauer am Hallstädter See im warmen Bett, eine Stunde nach Mitternacht, hörte den Regen vor dem Fenster, sah beim trüben Schimmer des Nachtlichts den hannoveranischen Dichter aufrecht auf seinem Lager sitzen und vernahm hinter der dünnen Bretterwand der Kammer ein Kampfgetöse, das nur von dem Aufeinanderfahren der Geister Steinbüchses und Zuckriegels herrühren konnte.
Wie viele Gläser Punsch die beiden Trefflichen noch getrunken hatten, mußte die Rechnung des folgenden Tages ausweisen; jedenfalls hatten sie genug und warfen sich die Knochen der Kelten und Germanen in einer Weise an die Köpfe, welche den unbefangenen Lauscher ergötzten, aber den befangenen, wie Roderich von der Leine, aufs höchste entzücken mußte.
Ob die beiden Helden bereits im Zank die Kammer beschritten hatten, oder ob der gelehrte Zwist sich erst von den Betten aus angesponnen hatte, weiß ich nicht; Rodrigo behauptete das erstere; ich jedoch kann nicht recht daran glauben; denn Zuckriegel war nicht der Mann, der sich ruhig auf den Rücken legte, ehe er den Gegner darauf hingestreckt hatte, und Steinbüchse, wenn auch in andern Dingen etwas weicher, milder, menschlicher, gab dem anatomischen Vorschneider auf dem Felde der Wissenschaft an hartnäckiger Behauptung seiner Meinungen wenig oder nichts nach.
Jetzt fühlte ich mich nicht mehr berufen, als Vermittler einzuschreiten, sondern vergnügte mich königlich, und das Gesicht des Verfassers der Lebensblüten in der gedämpften Beleuchtung des Nachtlichtes war auch der Betrachtung wert.
Diesmal vernahmen die Horcher hinter der Wand nicht ihre eigene Schande; die beiden bepunschten Mitglieder der universitas litterarum sagten sich die entsetzlichsten Grobheiten mit wahrhaft klassischer Naivität. Je schwieriger es für sie wurde, sich gegenseitig zu überbieten, desto genialer wurden ihre Eräußerungen, und kein Wort des einen war zu hoch, daß nicht der andere ein noch höheres darauf setzte. Sie spuckten sich moralisch ins Gesicht, und ich bin überzeugt, daß Zuckriegel mehrmals nur um die Breite eines Haares von dem Schicksal, auf Jahrmärkten vor einem moritätlichen Orgelbilde abgesungen zu werden, entfernt war.
„Jetzt beißt er in den Bettpfosten! So wahr ich lebe, bester Freund, er beißt vor Wut in den Bettpfosten!“ jauchzte der fromme Dichter in verhaltener Lust.
„Und der andere hat sich die Decke in den Mund gestopft. Wahrhaftig, lieber Freund, sie werden beide morgen am Gallenfieber krank liegen, wenn wir nicht mit dem Stiefelknecht an die Wand klopfen.“