Da stand er denn auf dem Hausflur und murmelte: „Ah, so ist es gemeint! so ist es — o, ich konnte es mir denken! o, Jens Pedersen Gedelöcke! o, Herr Kurator! o, mein guter, guter Herr und Patron!“ und aus dem obern Gestock des Hauses drang ein rauher kriegerischer Gesang herab, welcher sein erschüttert Gemüte auch wenig kräftigte und festigte. Nun führte ihn eine uralte, hexenartige Dienstmagd die Treppe hinauf; nun trat er aus der Kühle in die Hitze, nun stand er zwischen gepackten Soldatenkoffern in einem dichten Nebel von Tabaksqualm, und das Lied von der Schlacht bei Kiöge paßte fürtrefflich zu dem Manne, so in hohen schwedischen Stiefeln, mit der Tonpfeife im Munde zwischen dem Fenster und dem hohen Steinkrug auf dem Tische hin- und herschritt und jedesmal, wann er die Nase und den Schnauzbart in dem Kruge versenkte, wußte, was er tat.

„Der Herr Obrister sind heute mittag von Altona angelanget und gehen übermorgen mit dem Regiment nach Frederikshall,“ hatte die Wirtschafterin auf der Treppe dem Famulo mitgeteilt, und der Herr Obrister kommandierten sich selber „Halt!“ und „Front“, standen stocksteif vor dem Boten des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke und schnarrten:

„Bonsoir, Monsieur Bleichfeld; ist Er’s denn, oder ist Er’s nicht? Bei allem, was lebet, wie siehet Er aus, Herr Studio! Ist Ihm der General Stenbock, der König Karl oder der Teufel selbst begegnet? Was bringet Er mir von Sich oder Seinem Herrn?“

„Der Herr Kurator lassen sich dem Herrn Obristen allergehorsamst rekommandieren; — vor einer Stunde sind Sie sanft entschlafen.“

„Halt!“ schrie der Kriegsmann, beide Hände wie Klauen dem zusammenknickenden Famulus auf die Schulter schlagend, und ihm die scharfe dünne Habichtnase so nahe als möglich unter die Augen rückend: „Ruhe im Glied! Was hat Er gesaget, Monsieur?“

Der Famulus wiederholte stotternd seine Nachricht, die hellen Tränen liefen ihm dabei jetzo über die hagern Backen, und der Kriegsmann ließ seine Schulterblätter frei, leerte im jähen Schrecken und Schmerz seinen Krug bis zum Grunde, setzte sich auf den nächsten Holzschemel und seufzte in tiefster Zerknirschung:

„O David Bleichfeld, das verdirbt mir mehr als diesen Abend! O Bleichfelde, mit diesem Wort hat Er mir mehr in der Hand zerbrochen, als diese tönerne Pfeife, und Famule — holla — ich kenne den Jens Pedersen — und ich glaube Ihm noch nicht, Monsieur David! Er ist geschickt worden, mich anzulügen zum Willkommen, Kamerade — sehe Er mir noch mal in die Augen.“

Noch einmal packte der Kriegsmann den Unglücksboten und sah ihm in das klägliche Gesicht. Als er ihn aber zum zweiten Male frei ließ, zweifelte er nicht länger, sondern seufzte:

„O Jens, Jens, du halsstarriger, widerborstiger, närrischer Bursch, so hast du mir denn den letzten Schabernack gespielt und bist vom Posten abgezogen, ohne Losung und Rapport zu hinterlassen. O du fahnenflüchtiger Bösewicht, die Hand hättest du wenigstens mir noch einmal drücken sollen! Monsieur Bleichfeld, ich sage Ihm, das hat mir nicht geschwanet, daß ich zu einem solchen Feste aus Holstein einrücken solle. O Jens, eine solche Freundschaft wie die unsrige ist nie erhöret worden, und nimmer haben zwo menschliche Kreaturen in solchem Hader, Ekel und Widerwillen miteinander gelebet, denn wir zwei beide! Monsieur Bleichfeld, seit wir uns vor unserer Väter Türen zu Helsingör um Ball und Kreisel die Köpfe blutig schlugen, seit wir in Rosenborg-Have Anno 1695 um die Mamsell Spegelmann einander in die Haare gerieten, sind wir wie zwo Zwillingsbrüder gewesen und haben kein Jahr verstreichen lassen, ohne uns gegenseitig aufs Eis zu führen, und nun ist er fortgegangen, Meister Bleichfeld, und hat seinen alten Kumpan allein im dänischen Dreck gelassen! Ich habe schon längst in Altona auf seine diesjährige Schnurre gewartet; aber solches geht doch über allen Spaß, — ohne ein Aviso, — ohne ein Wort zum Abschied —“

„Nicht ohne ein Wort zum Abschied, Herr Obrister!“ rief der Famulus, das Schreiben seines Patrons hervorziehend. „Dieses ist für Euch, Herr von Knorpp, und mir auf die Seele gebunden. Leset und lasset mich Eurer Opinion, Eures Rates und Trostes genießen; es ist seine letzte Meinung also gewesen.“