Mit eilfertiger, ein wenig zitternder Hand hatte der Oberst nach dem wohlversiegelten Brief gegriffen, ihn mehrfach von jeder Seite beaugt und endlich erbrochen.
Da saß er am Tisch, die Skriptur auf Armeslänge von sich abhaltend, und das wechselnde Spiel der Muskeln auf seinem runzligen, zähen, verwetterten Ledergesicht war wohl eines feinen und gewandten holländischen Pinsels würdig. Betrübnis, Erstaunen, Zornigkeit und helle Wut zerrten in solcher blitzesschnellen Folge Stirn und Nase, Schnauzbart, Kinn, Backen und Mundwinkel durcheinander, daß der kummerbelastete Famulus ob des mirakulosen Anblicks betroffen Schritt für Schritt zurücktrat, und zuletzt, als der Kriegsmann mit einem wilden Fluch und einem donnernden Faustschlag auf den Tisch verkündete, daß dieses das Tollste und Heilloseste sei, was ihm seit dem Travendahler Frieden vorgekommen, — wie von dem Faustschlag selber getroffen zusammenfuhr und schier in sich selber verschwand.
„Weiß Er, David Bleichfeld, was er mir hier schreibt?“ schrie der Obrist und brüllte, als der Famulus den Kopf schüttelte: „Er wendet sich an mich und an Ihn, Davide, um sechs ungehobelte Bretter und ein stilles Loch in der Erde! Er weiß, was für schwarzes Gevögel ihm über dem Kopfe fliegt und herabstoßen will! Wir beide sollen ihn begraben, Monsieur, bei Nacht und Nebel, still und fein säuberlich, Monsieur. Er hat uns seinen armen stinkenden Leichnam vermacht, Meister David Bleichfeld. Seinem Hausdrachen trauet er nicht über die Gasse und noch viel weniger bis auf den Kirchhof, und was den ehrwürdigen Herrn Hieronymus Moekel anbetrifft, so — — Himmel und Hölle, bei allen Gruben, an denen ich je auf einem dänischen champ de bataille gestanden habe, Jens Pedersen Gedelöcke, es soll geschehen, wie du es wünschest, und sollte ich das Haus mit meinen Füsilieren im Sturm nehmen müssen!“
Auch der Famulus las nunmehro das Schreiben des Kurators und rief sodann: „O Herr Obrister, er hat recht, und Eile tut wahrlich not! Der Herr Oberprediger von Trinitatis ist freilich schon auf dem Wege, ein hochehrwürdiges Konsistorium ist bereits zusammenberufen, und was die Dunkelheit dieser Nacht gebiert, das wird am Morgen gar schön und propre daliegen —“
„Und übermorgen segeln wir auf alt Norge!“ rief der Kriegsmann, den Dreimaster auf die Perücke stülpend; „Gewehr über! Marsch auf der ganzen Linie! O Jens, Jens, wie magst du von deiner Wolke herablachen, denn also hast du mich in deinem ganzen Leben noch nicht zum Narren gehalten; aber wer zuletzt lacht, — ach Gott, es ist eine elende, nichtsnutzige Welt, marsch, Meister David, lasse Er die schwarzen Vögel nur zu Haufen fliegen; wir holen meinen Regimentsfeldscher Herrn Snorro Skalholt aus seinem Garnisonsspital; dann können wir ihnen die Volte zu drei schlagen, und, Monsieur David Bleichfeld, wann Er übermorgen mit mir und meinem Regiment an Bord des Själland gehen will, so soll Er mir hochwillkommen sein, und zu überlegen wär’s!“
„Jawohl, zu überlegen wär’s!“ seufzte der Famulus; aber der Gedanke an das Testament des Kurators Gedelöcke, an die herrliche Bibliothek und die zweitausend dänischen Reichstaler legte sich ihm wie ein spanischer Reiter in den Weg; mit einem Ruck der Verzweiflung zog er den Hut in die Stirn, folgte unsicheren Schrittes dem Kriegsmann, welcher bereits die Treppe hinunterstapfte, und fand sich zwanzig Minuten später vor dem Spital der Kopenhagener Garnison unter dem Fenster des isländischen Doktors, welches der lange Oberst, auf den Zehen stehend mit dem Stockknopf grad erreichte.
„Wach ist er; aber Danziger Goldwasser ist auch ein liebliches Getränke,“ sprach der Herr von Knorpp. „Da werden wir ihm doch wohl die Scheibe einschlagen müssen. Hallo, holla, da ist er!“
Auf das wiederholte Gepoch wurde mit einem grimmigen Getöse das Fenster in der Höhe aufgerissen, und, beleuchtet von einer flackernden Kerze, schob sich der dickste Kopf der dänischen Monarchie in die Nacht vor.
„Ist das nicht wie ein Nordlicht?“ fragte der Oberst, seinen Ellenbogen dem Begleiter in die Seite stoßend. „Gut Freund, Meister Snorro Skalholt! Steige Er hernieder, Kamarado, man hat eine Arbeit für Ihn!“
„Eheu, dux legionarius!“ schnarrte die Erscheinung im Fenster, das zerwühlte, flachsartige Haar zurechtschüttelnd. „Seid Ihr es, Herr von Knorpp? Was habet Ihr für Euern Gehorsamsten? Mit oder ohne Messer, Obrister?“