„Meine eigene Mutter möcht’ mich wohl nicht wiedererkennen; — was haben die Herren nötig, — feine Seif’, Haarband, den Zopf zu wickeln? Tausend Lieblichkeiten; — soll ich aufmachen den Kasten? soll ich aufbinden den Sack?“
„Wer schicket Ihn dergestalt durch das Land?“ fragte der Doktor Skalholt. „Was ist aus seinem Vorsingertum worden? wer hat Ihn also in den Klauen gehabt?“
Des armen Teufels Standhaftigkeit hielt nicht länger; in lautes Weinen brach der wandernde Krämer Henrich Israel aus, und mit Händeringen rief er:
„Bin ich noch länger Vorsinger an der Synagog’ zu Kopenhagen, wie ich es bin gewesen an die zwanzig Jahr? Nein, ich bin es nicht. Der arme Jüd hungert und friert auf der Landstraß’; sie haben ihn ausgestoßen um den Kurator Jens Pedersen Gedelöcke; sie haben ihm den Ehrenrock ausgezogen und ihm den Bettelsack angehängt. Gott meiner Väter, weil er ein Gelehrter im Tempel war und Bescheid wußt’ im Gesetz und reden konnt’ darüber, haben sie ihn gestoßen vom Stuhl und seinem Gesang ein Ende gemachet —“
„Hoho, ich riech’s, ich riech’s,“ rief der Kommandant, „da haben wir das Schwanzende! Auf Ihn, Henrich Israel, ist’s zu allerletzten ausgegangen, und weilen er mit dem Kurator den Mosen und die Propheten traktieret und ihm vorgesungen hat, hat seine Nation Ihm den Greuel in den Schuh geschoben, und ist über Ihn hergefallen mit den Fingernägeln! Denn sintemalen nun der Jens begraben lieget auf der Jüden Kirchhof —“
„Lieget er begraben auf der Jüden Kirchhof?“ schrie der Meister Israel im höchsten und kläglichsten Diskant. „Mit nichten lieget er auf der Jüden Kirchhof! Auf dem freien Felde liegt er, und das Vieh weidet über seinem Grabe.“
Der Exfamulus hatte seine Bettdecke von sich geschleudert und stand mit den nackten Füßen auf dem Boden; der Obriste Benediktus von Knorpp hatte seine tönerne Pfeife an die Wand geworfen und hielt den Exvorsinger an der Gurgel; der isländische Doktor Snorro Skalholt aber — griff ruhig nach dem Krug Schiedammer und sprach mit Gelassenheit:
„Simplex sigillum veri, sagte mein Freund, Herr Hermann Boerhavius zu Leyden; verzähle Er weiter, Monsieur Israel.“
Mit einem tiefen Seufzer hatte der Obrist die Kehle des unglücklichen Hebräers losgelassen und war kraftlos auf den nächsten Stuhl gefallen; der Famulus des weiland Kurators Jens Pedersen Gedelöcke hatte die Füße von den kalten Platten wieder in die Höhe und die Decke über sich gezogen; der Exvorsinger von Kopenhagen sprach mit Zittern weiter:
„Bin ich nicht gekommen deshalb über Fels und Wasser, durch die Wüste und den Wald, zu sagen, wie es ausgegangen ist mit dem Herrn Kuratore? Mein, wie konnten sie ihn lassen liegen unter ihren Vätern, da er doch nicht ein Jüd war, sondern ein christlicher Mann, wie es keinen bessern gab im Königreich Dänemark und Norwegen?! Wohl haben sie mich aufgegriffen, um daß ich den Spott über sie gebracht hätt’, und sind über mir zu Gericht gesessen, weilen mich der Verstorbene für seinen Freund hielt und mit mir das Gesetz und die Zeremonien beredete. Es war ein groß Wehklagen und Wimmern in unserm Volk ob der Unreinigkeit, so auf es geleget war; und alt und jung hat im Sack und in der Asche gesessen bei Tag und Nacht und zum Herrn geflehet, wie die Väter vordem fleheten gegen den Antiochus, gegen Assyria und Babylon, gegen den König aus dem Land Chitim und die Stadt Rom. Und der Gott Abrahams hat den Jammer angesehen und sein Volk erlöset aus der Schmach um hundert Dukaten, die hat man erleget an den Konvent, so auch das Seidenhaus genennet ist. Ist um solche hundert Dukaten eine neue Resolution ergangen, des Sinnes, daß, weilen auch die Jüden des weiland Kuratoris Jens Pedersen Gedelöcken Leichnam nicht wollten, sie ihn zum zweiten Mal wieder aufgraben dörften und zum dritten Mal ihn beisetzen zweihundert Schritte von ihrem Totenacker auf dem allgemeinen Feld. Haben die Rabbiner und Ältesten mich herfürgezogen aus dem Winkel und mir die Schaufeln auf die Schulter geleget und mich hingeführet zu dem Ort der Unreinigkeit; da hab’ ich mit Tränen die steinichte Erd aufgegraben, und mit Stricken ist der vermoderte Sarg aufgezogen und dann zum dritten Mal verscharret. Da hat die Stadt wiederum ihr Gaudium gehabt; ich aber bin mit Tränen hinausgegangen aus der Gemeinde, und sie haben mir nachgespieen in das Elend. Ich bin ausgestoßen worden aus der Gemeinschaft meines Volkes; wenn ich läge, wo der Herr Kurator lieget, so würde es besser um mich bestellet sein.“