„Hat einer hierzu noch irgend etwas zu sagen?“ rief der Doktor Snorro Skalholt, und als niemand den Mund auftat, sprach er selber:

„Wenn ich in Bedacht nehme, wie alt der Mensch werden kann, ohne aufzuhören, ein Esel zu sein, so möchte ich mir selber zu einem Greuel werden. Da bin ich jung geworden zu Reikiawik im alten, klugen Island, und war auch meine Frau Mutter eine merkwürdig gescheite Frau. Da hab’ ich studieret mit dem weltberühmten Boerhavius zu Leyden auf der glorreichsten Universität, und sie haben mir ins Testimonium geschrieben, daß es nichts Geringes sei um mein Ingenium, hab’ mir auch sonsten zu Paris, Bologna und in Teutschland mit Finessen, Schlauheit und guter Kapazität fortgeholfen; bin mit offenem Aug’ an die dreißig Jahr hinter diesem hier gegenwärtigen Herrn Benediktus von Knorpp, pro tempore Gouverneur von Friedrichshall, hergezogen, einerlei ob zur Viktoria oder Retirade. Hab’ mir fortgeholfen bis zu dem heutigen Tage, sintemalen ich mich immer ans Messer gehalten hab’ und niemalen an die Fiduz auf die Menschheit. O Jens Pedersen Gedelöcke, wie hat die Narrheit dem Snorro Skalholt das Bein gestellet! Pardauz, da stolpert der Tropf über deinen Leichnam und schlägt hin auf die kluge Nase, daß es krachet. Ja, der kluge, kluge Snorro Skalholt, dem Mynheer van der Tromp und ganz Holland nicht zu viel waren, wie hat er sich durch Ihn und für Ihn übertölpeln lassen, Herr Gedelöcke! O Kommandante, wie sind sie über uns gekommen, Christen und Juden, der Herr Hieronymus Moekel wie Meister Jakob Jakobson, der Oberrabbiner! Pfui, Pfui, das ist noch siebenmal schlimmer denn die Bataille bei Helsingborg, wo wir so wacker vor dem Stenbock liefen; — was saget Er jetzo zu diesem stillen Winkel hinter den Leuten, Obrister von Knorpp? Hat Er Lust, seine fürwitzige Nase noch einmal hinauszuschieben in die Welt nach solcher Blamage?“

„Tornea und Wardoehuus wären mir lieber!“ stöhnte der Gouverneur von Friedrichshall. „O Jens, Jens, o Jens Pedersen Gedelöcke, du magst wohl lachen da drüben; aber unsereinem wird’s doch schwarz vor den Augen, und wer nicht rabiat wird, wie der alte Benedikt Knorpp, der setzet sich in die Jammerecke wie dort der David, oder ziehet mit Winseln durch das Land, wie der dort mit dem Bettelsack. Holla, an die Gewehre; auf Schloß Friedrichsstein bin ich Gouverneur, und wer sich hinter mich stellet, der soll fürs erste fein sicher stehen. O Gedelöcke, Gedelöcke, es war doch ein lustiger Sommertag in Rosenborg-Have; — rücke Er an den Tisch, Monsieur Henrich Israel, stelle Er den Stock hinter den Ofen; — o Jens Pedersen Gedelöcke, wer lange lebt, kann vieles erleben; schiebe Er den Krug herzu, Meister Snorro, die Welt will einmal Fangball spielen, und wir können’s nicht hindern; morgen geb’ ich’s ihm manu propria schriftlich, daß er mit meinem abgelegten Pelz nach Seiner Kunst und Begierde anfangen mag, was Ihm beliebet!“

Hierauf sah der isländische Feldscherer Snorro Skalholt zum ersten Mal in dieser Historie aus wie ein Mensch; und mit sonderbarer Vergnüglichkeit schmunzelnd sprach er:

„Kommandante, da hat er doch endlich einmal einen verständigen Einfall! Hätt’s Ihme fast nicht mehr zugetrauet.“

Anmerkungen zur Transkription

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