Meyer! Ceretto Meyer! Wichselmeyer — wie Sie wollen. Auf der großen
Weserbrücke nennt man mich gewöhnlich Wichselmeyer, aber lieber hab'
ich's, wenn man mich Signor Ceretto ruft. Ich bin's von den höflicheren
Nationen gewohnt, die auf See mit =Si!= antworten, wenn man sie anspricht.
Schön! also Signor Ceretto! Nun denn, so seien Sie mir herzlichst willkommen, liebster Herr Signor Ceretto! sage ich, und damit erreichen wir so nach und nach das Försterhaus, und sonderbarerweise trug auf dem letzten Drittel des Weges bereits diese schwarze Bremer Meß-Merkwürdigkeit unser Trudchen auf dem Arme, während Schnürbein schwanzwedelnd sich ihr dicht auf den Hacken hielt.
An der Alten hatte ich meine Freude, und an dem Alten, der währenddem nach Hause gekommen war, gleichfalls; doch an der Alten um vieles mehr. So was Schwarzes in Menschengestalt hatte sie in ihrem Leben noch nicht gesehen, und daß sie viel in den Büchern darüber studiert hatte, glaube ich auch nicht. Den Eindruck, den also mein Freund Wichselmeyer oder Meyer, oder Signor Ceretto auf sie machte, war denn auch darnach! Wie sie aufschrie, wie sie ins Haus lief und die Schürze über den Kopf schlug — wie sie auf halbstündiges Zureden endlich um die Tür guckte, und wie sie wieder nach einer Viertelstunde mit einknickenden Beinen hervorkam und einen Knix nach dem andern vor das Ungeheuer hinsetzte, das war ein Vergnügen anzusehen, aber zu beschreiben ist es nicht. Und, mein lieber Herr von Schmidt, — wenn dieses eine Kuriosität war, so war es noch viel kurioser, daß — auf mein Wort und meiner Seelen Seligkeit — es wahrhaftig nicht ihre Schuld war, wenn wir nach allerkürzester Bekanntschaft nicht einen oder zwei oder einige Mulatten mehr in der Welt herumlaufen haben; denn — — so sind die Weiber! Ich habe es bis dahin nicht geglaubt, aber ich versichere Sie: sie sind so! Nachdem sich auf vieles Zureden das närrische Stück Frauenzimmer dahin hatte bringen lassen, durch eigenes Anrühren sich zu überzeugen, daß das Ding nicht abfärbe, war alles — in bester Ordnung und im schönsten Gange, und der Arend, ich und der Schwarze hatten nur abzuwehren, daß die Zuneigung nicht zu weit gehe.
Seit ich weiß, daß dieser fremde Herr und Unmensch nicht mit Tinte oder Pech oder Kienruß aufgefärbt wurde, bin ich ganz ruhig, flüsterte mir die Alte noch lange vor dem Gute-Nacht-sagen zu; kurz, wir hatten unsern Heidenspaß, den ganzen Abend durch. Ja, ja, Herr; über den Ceretto vergaßen wir und vor allem ich dann und wann meinen kleinen Bruder mehr, als es sich eigentlich schickte; und erst als alles zu Bett war, der Gast und ich auch, und ich vergeblich in den Schlaf hineinzukommen suchte, da kam es im großen und ganzen heiß und kalt über mich, was für ein Tag mir morgen bevorstehe, und wie ich mich zu demselbigen zu verhalten haben werde. Da warf ich mich hin und her und saß aufrecht und hätte mich auch ebensogut auf dem Strohsacke auf den Kopf stellen können; zu einem vernünftigen Gedanken verhalf mir das nicht. Erst als ich endlich doch vor Mattheit eingeschlafen und am Morgen wieder aufgewacht war, kam mir die Eingebung. War es nicht das einzig Richtige, alles dem Kleinen zu überlassen? Wer hatte sich denn eigentlich mit dem andern abzufinden? Er mit uns; oder wir mit ihm? Er mit uns natürlich, denn war der Junge von uns weggelaufen, ohne uns anders als durch seinen letzten Lumpenstreich es anzusagen, so lag es doch nun, obgleich über die alte Geschichte wohl mehr als einmal Gras gewachsen war — allein bei ihm, bescheiden anzupochen und sich zu entschuldigen und um gut Wetter zu bitten. Damit fuhr ich getröstet in die Stiefel; aber was das Wetter selber anbetraf, so war das heute noch um ein gut Teil grauer als gestern, doch regnen tat es auch an diesem Tage nicht. Wir hatten nur einen Korb voll Nebel mehr im Walde. Daß wir allesamt früh auf den Füßen waren, können Sie sich vorstellen; nur das Mohrenkind, der Wichselmeyer, oder Don Ceretto, schnarchte wie ein Weißer bis gegen Mittag an, was, nämlich das Schnarchen, auch wieder der Alten einigen Grund zum Handzusammenschlagen gab. Wir fanden sie richtig horchend an der Tür, und sie schlug die Augen wie in vollständiger Verzweiflung an unsrem Herrgott in die Höhe und ächzte: Auch das kann er wie ein richtiger Mensch! — Nun, Trudchen war kaum zu bändigen, und mein lieber Tofote ging herum wie ein Verrückter; ich aber setzte mich auf meine Schnitzbank, als ob ich drauf Wurzeln zu schlagen gedächte und spielte den Bullenkopf gegen mich und die Welt, bis der Kleine gegen ein Uhr avisiert wurde und wirklich da war.
Herr, ein Mensch genügt eigentlich nicht, um das Wiedersehen zu erzählen! Alle, die ihren Anteil daran hatten, müßten von Rechts wegen an dieser Stelle ihren Schnabel auftun; und Herr, daß Sie damals nicht dabei zugegen waren, das ist ein Jammer; denn trotzdem, daß Sie gewiß mehr studiert haben, sowohl im Bergfach wie in den übrigen Fächern, als ich für möglich halte, hätten Sie sich doch manches Komödienbillett — Affen- und Menschenkomödie! — erspart, wenn Sie an dem Tage uns schon die Ehre gegeben hätten, uns mit Ihnen bekannt zu machen; denn sehen Sie —«
Sechstes Kapitel.
»Erlauben Sie, lieber Kunemund,« sagte ich, dem Meister Autor die Hand auf das Knie legend und ihn bescheiden zum zweitenmale unterbrechend. »Ein Wort, bester Freund! Ich bin doch manch liebes Mal, nach unserm ersten Massenbesuch, als einzelner Heuschreck bei euch gewesen; aber wer von euch hat mir je von dieser Geschichte und allen ihren wahrscheinlichen Folgen geredet?«
»Wir nicht; — das ist richtig!« sprach der Meister. »Wer von uns konnte denn aber auch daran denken? Sie ging das doch gar nichts an!«
Ich schlug mich vor die Stirn und kam mir unendlich albern und abgeschmackt vor. Ich sah tief, lächerlich tief in die Widersinnigkeit des Lebens, das man, sozusagen, lebt, hinein und konnte nichts weiter sagen, als:
»Wahrlich!«