Jetzt noch weniger hätte ich den Alten bei dem zierlichen Namen festgehalten!
»Ei seht aber, Meister Autor,« sagte ich, um den seltsamen Blick desselben von dem ausgestopften Tierchen abzuwenden, »Sie haben da ja ein ganzes Museum — ein vollständiges ethnologisches Museum!… und welche prachtvollen Muscheln, welche ausgezeichneten Korallen! Je genauer man zusieht, desto größere Schätze entdeckt man bei Euch. Sind Sie heimlich etwa auch während meiner Abwesenheit zur See gewesen? haben Sie auch wie Ihr Bruder die Tropenländer mit dem Kuriositätensack auf dem Rücken durchwandert?«
»Dieses gerade nicht, — o nein, im Gegenteil,« sagte der Alte ehrlich auf meinen Scherz. »Ich weiß eigentlich auch nicht, was Karl sich dabei denkt. Ich habe zwar mein großes Vergnügen daran, und das wird es wohl sein, was ihn antreibt! Er kommt nie von Reisen heim, ohne mir dergleichen Schnurrpfeiferei mitzubringen. Der Junge sitzt noch immer gern bei mir.«
»Karl? Welcher Karl?«
»Nun, erinnern Sie sich denn nicht? der Karl Schaake! der Leichtfittich und Leichtmatrose, der damals aus der Stadt Lübeck mit uns ging, als ich Sie abgeholt hatte, um uns zu helfen, die große Erbschaft meines ausländischen Bruders in Besitz zu nehmen! Nicht wahr, jetzt fällt es Ihnen ein? Und wissen Sie, der Junge fährt noch immer auf der See; aber jetzo als Steuermann. Keine Völkerschaft ist ihm zu schwarz! und bis dato ist er auch immer noch ganz gut und ungebraten davongekommen und mit seinem Geschäft zufrieden. Wie gesagt, was für ein Gefallen er gerade an mir findet, außer daß wir aus einem Dorfe sind, und die Base aus dem Cyriacihofe mit uns, kann ich nicht sagen; ich zerbreche mir aber auch gar nicht den Kopf darüber, denn die meisten Leute, auf die ich im Leben stieß, sind so gewesen. In der Hinsicht habe ich mich nicht zu beklagen.«
»Das heißt: auch Euch, Meister, ist nie eine Völkerschaft zu schwarz gewesen!« sagte ich lächelnd; aber des frühern Leichtmatrosen und jetzigen Steuermanns Karl Schaake entsann ich mich nunmehr ganz deutlich und zwar mit dem Gefühl der Beschämung und des Ärgers, welches man immer hat, wenn man wieder einmal findet, daß man seinem Gedächtnis zuviel trauete. Unbeschadet eines gegen das Ende des zehnten Abschnittes niedergeschriebenen Wortes war mir der Seefahrer — in dieser Stunde wenigstens — ganz und gar aus der Erinnerung abhanden gekommen.
»Der Stein der Abnahme!« rief ich. »Karl Schaake! Richtig, — der
Hadschi-Schiffsmann, der den heidnischen Unglücksstein aus dem Fenster
Mynheers van Kunemund warf. Also der lebt auch noch und hat seinen Beruf
wacker festgehalten.«
»Ja freilich,« sagte der Alte melancholisch. »Was das mit dem Unglücksstein ist, weiß ich zwar nicht, denn das habt ihr beiden damals unter euch allein ausgemacht; aber die Fische und die Wilden haben ihn bis jetzt gottlob noch nicht gefressen. Daß es dem armen Jungen aber besser hätte ergehen können und ohne meinen kleinen Bruder auch ergangen wäre, das steht gleicherweise fest. Der Teufel hole die ganze Geschichte!«
Ein Geheimnis lag hier gerade nicht vor. Wer sich offenen Auges durch diese Welt drängt, der lernt es bald, sich in den Verhältnissen zurechtzufinden; das Leben liegt vor ihm wie ein Rätsel in einem — Kinderbilderbuche, unter dem die Auflösung in umgekehrter Schrift gedruckt steht. Stellt nur euch nicht auf den Kopf, sondern das alte abgegriffene Rätselbuch, und ihr werdet bald heraus haben, was es mit den Geheimnissen auf sich hat.
Es war in diesem Falle eben wohl möglich, daß der tückische Zauberstein, der in dem Gartenteiche versank, schon zu lange für die Erben unter den Raritäten Mynheers van Kunemund gelegen hatte. In diesen Dingen verstehen Mutter Natur und Muhme Schicksal keinen Spaß, und also trat ich so dicht an den Meister Autor heran und sagte leise: