»Jetzt, Herr Kunemund, sagen Sie es mir, was aus Ihrem schönen, süßen Pflegekind, aus der kleinen hübschen Gertrud geworden ist! Ich bin mit Ihnen gegangen und habe mir von Ihnen alles vorweisen lassen, bunte Muscheln, Korallen, den Kolibri, das Seepferd, kurz was Sie wollten; aber jetzt lassen Sie mich auch hier klar sehen. Daß das Dasein schwer und mühevoll auf Ihnen liegt, habe ich vom ersten Augenblick unserer Begegnung gemerkt; daß ich nicht aus kühler, kalter Neugierde frage, meine ich, wißt Ihr, alter Freund! Also bitte, Mann, teilt mir mit, weshalb Ihr Euch hier in der Einsamkeit auf den Maulwurf- und Grillen-Fang, auf das Strumpfstricken und Hanfspinnen gelegt habt! Meister Autor, Sie sind es unserer alten Vertraulichkeit schuldig, daß Sie mir sagen, weshalb der Förster nicht in seinem Försterhause, nicht bei seiner Tochter, sondern unter diesem Dache gestorben, weshalb die Alte zu ihrer Vetterschaft gezogen ist, und — und, — und wie es der Gertrud Tofote geht!«

»Das sind viele Fragen auf einmal, lieber Herr Bergmeister!«

»Und doch nur eine.«

»Jawohl! Im Grunde haben Sie da recht, und so will ich sie Ihnen denn auch beantworten. Es ist alles mit rechten Dingen zugegangen. Niemandem ist etwas Absonderliches passiert. Mir nicht! dem Arend nicht! der Alten nicht, und unserem armen Trudchen nicht! Wir sind auseinander gekommen, ohne daß wir es gemerkt haben; das heißt, wir waren einmal eines Tages auseinander und merkten es dann erst. Haben Sie je Leute gekannt, denen es in der Welt anders ergangen ist? Ich meine, die auf eine andere Art auseinander kamen?!«

»Unter guten und klugen Freunden ist das freilich die gewöhnliche Weise,« erwiderte ich nach einigem Nachdenken.

Vierzehntes Kapitel.

Das Hindernis war aus dem Wege geräumt, die Bahn wieder frei. Ich lehnte mit dem letzten schwerwichtigen Worte meines alten Freundes wieder in meiner Wagenecke, und hatte Zeit, darüber nachzusinnen.

Das letzte Wort war es eigentlich nicht gewesen, denn wir hatten nach ihm noch manch ein anderes durch eine gute Stunde geplaudert. Das allerletzte Wort an diesem Tage, zwischen mir und dem Meister Autor Kunemund, war gewesen:

»Besuchen Sie doch ja das Trudchen in der Stadt; sie wird sich sehr freuen, und Sie werden ganz gewiß auch Ihr Gefallen an ihr finden. Nehmen Sie es mir nicht übel, lieber Herr; aber da ich Sie als einen ganz studierten, klugen und geschickten Menschen kennen gelernt habe, so weiß ich auch ganz sicher, daß Sie das, was eben der Welt Lauf in diesen jetzigen jungen Tagen ist, besser verstehen als ich. Dummes, ungewaschenes Zeug möchte ich Ihnen nicht aufreden; also — leben Sie recht wohl: wir treffen einander gewißlich noch einmal wieder; — und, lieber Herr, vergessen Sie es ja nicht, grüßen Sie mein Trudchen recht schön und eindringlich von mir!«

Und die Bahn war frei. Wir schnoben an der Unglücksstelle vorüber und sahen auf der Station den Schuppen, in welchem die zwei blutigen Leichen auf dem blutigen Stroh lagen. Wir rasselten weiter durch den holden Abend, und jetzt schon war für alle, die sich auf dem Zuge befanden, das traurige Ereignis zu einer überwundenen Verdrießlichkeit geworden, zu einem Thema, über das sich schon jetzt angenehm reden und behaglich lügen ließ. Ich ließ das also schwatzen und renommieren und saß, in meinem Verdruß immer noch festgehalten, melancholisch in meiner Ecke, sah die grüne Landschaft hingleiten und bewegte mein eigenes Privaterlebnis, nachdenklich es hin und herwendend, im Geist. Daß ich etwas Klügeres hätte tun können, war gewiß; möglich war's mir aber eben doch nicht.