»Was auch mit dieser hübschen Gertrud Tofote vorgegangen sein mag,« sagte ich mir, »und wie auch der Alte vor uns unberufenen Alltagsmenschen sich anstellen mag, seinen Beruf hält er fest! Er tut nur so, der getreue Knecht Eckart, als ob die Welt nicht mehr auf ihn zu rechnen habe. Sieh, nach seiner Schnitzbank habe ich ihn gar nicht einmal gefragt; — zum Teufel auch, wer weiß, in welchen dunkeln Winkel er sie für den Augenblick geschoben hat? Und das alte Erbmesser gibt er nicht her, da kenne ich ihn; aber auf das Fräulein und ihren Zaubergarten bin ich doch neugierig. Eine Visitenkarte werde ich jedenfalls dort abgeben.«

So kam ich denn im Verlaufe des Sommerabends und nach dem Verlauf der Jahre der Abwesenheit wieder an in der Heimat, fand meinen Weg ins Hotel und ins Bett und las am andern Morgen beim Frühstück in der Zeitung ausführlich, und mit allen Einzelheiten beschrieben, was ich selber mit erlebt hatte, ohne doch dabei zugegen gewesen zu sein. Und es ward mir, als ob plötzlich jemand sich mir über die Schulter beuge und mit unsichtbarem Finger auf das interessanteste Wort in dem langen Berichte deute.

»Es ist nicht möglich!« rief ich.

»Doch wohl!« sagte das Ding hinter mir. »Wir machen das häufig so.«

Der entgleiste Zug hatte mehr Opfer gefordert, als wir, die wir ihm nachfuhren, zuerst erfahren hatten. Eine lange Reihe entsetzlicher Verwundungen war vorgefallen; Verstümmelungen waren geschehen, in Hinsicht auf welche die beiden ruhigen Toten leicht davon gekommen waren. Und in der traurigen Liste der Beschädigten wurde ein Mann aufgeführt, der im Verlauf meines Gesprächs mit dem Meister Autor Kunemund mehrfach genannt worden war:

Steuermann Karl Schaake — beide Füße doppelt gebrochen!

Ich legte das Blatt leise auf den Tisch, und ging eine Viertelstunde lang im Zimmer auf und ab. Grade so lange Zeit dauerte es, ehe ich mit mir im reinen darüber war, ob ich mich wirklich noch weiter (meine eigenen Angelegenheiten im Auge behalten) auf diese unbehaglichen, ungemütlichen Angelegenheiten fremder Leute einzulassen habe, und was zu tun und zu lassen sei, im Falle die Antwort bejahend ausfalle.

Nach einer Viertelstunde war ich im reinen, das heißt, ich hatte Hut und
Stock ergriffen und befand mich auf dem Wege zur Eisenbahndirektion.

»Der Alte liest sicherlich keine Zeitung,« sagte ich mir. »Der Seefahrer wird ihm ebenso sicher keine Nachricht über sein Befinden schriftlich geben, sondern sie ihm lieber persönlich, auf seine zwei Krücken gestützt, bringen. Es ist meine Pflicht, mich genauer nach den Umständen zu erkundigen; — dummes Zeug — Pflicht! es ist etwas anderes, und der Herr Forstsekretär von Müller, der uns damals den Vergnügungsstreifzug in den Elm so vergnüglich vorzuspiegeln wußte und uns richtig in seinen Musterforst hineinlockte, ist schuld daran, — meines Vaters Sohn, wie der Meister Autor sagen würde, wahrhaftig nicht!« —

Die »betreffende Behörde« war ungemein höflich und zu jeglicher Auskunft gern bereit. Die Bahnverwaltung traf nicht die mindeste Schuld an dem beklagenswerten Ereignis. Übrigens befand sich bereits alles wieder in der trefflichsten, wünschenswertesten Ordnung und für sämtliche Beteiligte und leider auch Benachteiligte war in komfortabelster Weise Sorge getragen. Die Toten waren natürlich an Ort und Stelle geblieben, ebenso die meisten der schwerer Verwundeten. Nur zwei oder drei der letztern hatten es vorgezogen, mit den leichter Beschädigten nach der Stadt transportiert zu werden, und sie waren natürlich nach ihrem Willen mit einem Extrazuge hin befördert worden. Zu beklagen hatte die maßgebende Stelle sich eigentlich nur über ein Individuum; aber über dieses auch sehr! Ein unglücklicherweise auch körperlich verletzter Seemann war sehr ungebärdig gewesen und hatte sich sogar, wie man nicht anders sagen konnte, unverschämt betragen, obgleich man ihm wie allen übrigen mit der höchsten Menschenliebe, Opferfreudigkeit usw. entgegengekommen war. Er war der einzige gewesen, sagte man mir, der sich trotz seinem beklagenswerten Zustande der gröblichsten Schimpferei nicht habe enthalten können. Auch er befand sich am hiesigen Orte. Man habe — teilte man mir mit — ihn so vorsichtig als möglich, unter chirurgischer Begleitung an die von ihm angegebene Adresse abgeliefert, und da liege er, erwarte seine Heilung und werde wahrscheinlicherweise von dort aus auch seine Entschädigungsklage gegen die Bahnverwaltung einleiten.