Ich nahm alle diese Erklärungen des höflichen Beamten ebenso freundlich hin, wie sie mir gegeben wurden, und bat nur auch noch um nähere Angabe jener Adresse des eben, das heißt zuletzt erwähnten unangenehmen Gesellen und unhöflichen Matrosen. Ich erhielt dieselbige in etwas kühlerer und formellerer Weise als die früheren Referenzen und ging mit ihr, nachdem ein Unterbeamter sie selber erst wieder mit einiger Mühe in Erfahrung gebracht hatte. Am Nachmittag machte ich mich von neuem auf den Weg und fand richtig meinen guten Bekannten aus der Erbschaft Mynheers van Kunemund wieder; nur leider in den betrübtesten Zuständen.

Die alte Stadt besitzt innerhalb der Umflutungsgräben ihrer jetzt zu recht anmutigen Spaziergängen eingerichteten Wälle und Bastionen mancherlei kuriose Winkel, dunkle Sackgassen, finstere Höfe und Torbogen; und das Mittelalter schielt einen hier grimmig, dort drollig, doch immer überquer aus mancher Ecke, von manchem Gesims, Balkenkopf, Giebel und Erker an. Holzstecher- und Steinmetzarbeit der Vorväter hat den neuern Jahrhunderten, d. h. den geschmackvollen Leuten drin, gar nicht gefallen, aber sich um so tapferer gegen Axt, Spitzhaue, Hammer, Maurerkelle und Tüncherpinsel gewehrt. Wer da als Liebhaber oder Kenner auf die Suche geht, kann noch allerlei finden. Was besonders jene, eben erwähnten, in die Häusermassen eingekeilten Höfe anbetrifft, so ist das in Wahrheit ein schier noch unaufgeschlossenes Reich der Wunder für den Kenner und Liebhaber.

In überraschender Weise sollte ich das an dem heutigen Tage von neuem erfahren. Ich glaubte, die Splanchnologie der Stadt bis in die feinsten Verästelungen studiert zu haben, und ich fand, wie so häufig, daß ich mich wieder einmal gründlich geirrt hatte. Innerhalb einer der hundert eingeweideartig ineinandergeschlungenen und gewundenen Gassen der Stadt fand ich mich vor einem schwarzen, verwitterten und weiter verwitternden Torbogen, der bis dahin für mich durchaus noch nicht dagewesen war, und den ich also um so verwunderter betrachtete. Das war noch Renaissance, aber die Wölbung durchschreitend, fand ich mich nicht im neunzehnten, nicht im sechzehnten, sondern im vollsten, unverfälschten fünfzehnten Säkulo und stand von neuem still in begreiflichem Erstaunen.

Alterschwarzer Holz- und Ziegelbau im unregelmäßigen Viereck um mich her!
Und welch ein Holzbau!

Da liefen sie, die Wände entlang, übereinander, nebeneinander hin, die Wunderwerke mittelalterlicher Zimmermannsarbeit in Ernst und Humor und warteten geduldig auf den Photographierapparat, und der grüne Baum neben dem sehr modernen durch die allermodernste Dampfkraftwasserkunst gespeisten Brunnen wartete mit ihnen. Ob das mannigfache Volk, welches diesen Hof bewohnte, eine Ahnung davon hatte, wie überraschend malerisch und kulturhistorisch interessant es behauset war, kann ich nicht sagen: die Kinder, die um den Brunnen und den Baum herum krochen und hüpften und den Schutt der Jahrhunderte zu ihrem ewigen Spiel verwendeten, wußten es jedenfalls nicht. Aber es war ein kluges, gewitzigtes Geschlecht, welches auf alle nötigen Fragen, die man an es zu stellen hatte, die nötige Auskunft geben konnte, wenn es wollte. Leider wollte es aber diesmal nicht. Es zeigte grinsend die Zähne, lachte und ließ mich ohne Antwort stehen; ich hatte mich nach einem erwachsenen Menschen der Generation umzusehen und fand ihn glücklicherweise auch.

In einem Winkel des Hofes stand ein Herr mit einem Notizbuch in der Hand, an einer Visierstange hinäugelnd. An ihn wendete ich mich nunmehr mit einer Frage nach dem Steuermann Schaake, und er nickte mir zu:

»Im Augenblick, mein Herr!«

Es würde sehr unrecht gewesen sein, ihn in seinen sicherlich für das allgemeine Wohl und Beste unternommenen Berechnungen aufzuhalten und zu hindern. Ich wartete geduldig, und er setzte sein Geschäft fort, seine Aufmerksamkeit zwischen seinen Instrumenten, seiner Brieftasche und seinen fernab mit der Meßkette beschäftigten Untergebenen teilend; und hoch war es anzuerkennen, daß er trotz alledem doch noch einige Worte der Erläuterung für mich übrig hatte.

»Es hat uns noch keine Nivellierung so viele Mühe verursacht als diese hier,« sagte er, »aber dafür wird auch keine der neuprojektierten Straßenanlagen die Stadtbevölkerung in ihrer Vollendung so sehr überraschen und erfreuen wie diese. Den Kanal hinter den wackligen Mauern füllen wir natürlich aus, da haben wir dann noch die Rudera einer alten Stiftung, die müssen selbstverständlich weg. Die alten Damen verlegen wir vor das Tor in eine gesunde, wahrhaft idyllische Gegend, und so kommen wir hier aus dem Mittelpunkte der Stadt in gradester Linie zum Bahnhofe, — ohne daß zu dieser Stunde ein Mensch in diesem hier umliegenden Gerümpel irgendeine Ahnung davon hat. Es ist wundervoll!«

»Das ist es!« rief ich mit höchstem Enthusiasmus. »O ihr gütigen Götter!«