»Und es ist nicht allein ein Wunder der kaufmännischen Spekulation, sondern es wird auch ein Wunder der modernen Architekturwissenschaften,« rief mein freundlicher Auskunftgeber, den meine Begeisterung nun noch über die eigene emporriß. »Sie glauben es gar nicht, was alles wir uns hier vorgenommen haben!«
»O doch!« stöhnte ich aus tiefster Brust. »Ich kann es mir in größter Deutlichkeit vorstellen. Also wirklich, von dem, was wir jetzt hier um uns sehen, bleibt nichts aufrecht?«
»Nichts!« sprach mit entflammtem Nachdruck mein entzückter, begeisterter
Baukünstler. »Haben sie doch jetzt angefangen, Nürnberg abzutragen, also
sehe ich nicht im mindesten ein, weshalb wir grade diesen wohlkonservierten
Ruinen gegenüber mit größerer Schonung vorgehen sollten.«
Hierauf ließ sich freilich nichts erwidern, und so wartete ich denn schweigend, bis die letzten auf die Zukunftsstraße bezüglichen Zahlen und sonstigen Erinnerungszeichen in das Notizbuch eingetragen worden waren. Auch das kam zu einem Ende, wie alles auf Erden, und ich durfte meine ersten Bitten um Auskunft über den Steuermann Schaake von neuem aussprechen.
Fünfzehntes Kapitel.
Der Herr hatte natürlich auch die Zeitung mit dem Bericht des Eisenbahnunglücksfalls gelesen, irgend jemand hatte ihm auch mitgeteilt, daß einer der Beschädigten hier auf den Hof geschafft worden sei; allein zu wem und wohin, das wußte er nicht. So grüßten wir einander, und ich folgte dem einzigen Rate, den er mir zu geben hatte: ich trat in die nächste Tür (ein halbes Dutzend dergleichen führen von dem Hofe in die Gebäude) und ließ es auf das gute Glück ankommen, ob ich die richtige getroffen habe.
Eine enge, steinerne, im Laufe der Jahrhunderte von Hunderttausenden von Füßen ausgetretene Treppe führte mich, sich im Halbkreise drehend, in den Unterstock, im rechten Flügel der Hofgebäude, und zuerst in einen ziemlich breiten gewölbten Gang, der durch ein großes Bogenfenster im Westen erhellt wurde. Erhellt? eine Flut von Licht, von abendlichem Sonnenschein, strömte in dieses große Fenster und vergoldete das dunkelgraue Gemäuer in eigentümlich schöner Weise.
Eine dunkle Tür zur Linken lud zum Anpochen ein, und eine Männerstimme forderte einen Augenblick später zum Eintritt auf. Ich stand zweifelnd still auf der Schwelle in der Überraschung vor dem Bilde, das sich jetzt dem Auge bot.
Ich erzähle heute, nachdem alles, was mich damals innerlich mächtig erregte, durch die Jahre gesänftigt hinter mir liegt, und ich darf jetzt demnach wohl auch dem Äußerlichen sein Recht geben und Gefühl und Empfindung auf die Beschreibung folgen lassen.
Wieder vor allem andern ein tief in die Wand eingelassenes hohes Bogenfenster, und dieselbe Flut von Licht, jedoch hier noch wundervoller und magischer sich über das mittelalterliche Eichengetäfel des Gemaches ausbreitend! Grüne Zweige draußen vor dem Fenster — das Hausgerät eines alten Jüngferleins ringsum, doch ein Bett und darauf ein bärtiger Mann im Winkel! In der Fensterwölbung am Spinnrad eine alte Frau! … in dem Sonnenstrahl die merkwürdigste alte Frau mit dem merkwürdigsten weißen Haar, das ich je an einer Frau gesehen hatte!