Ich versprach gern, das zu übernehmen, und der Steuermann drückte mir von neuem die Hand und rief:

»Das ist das eine, wozu wir Sie so gut gebrauchen können; aber es ist noch mehr da —«

Er brach ab, und ich erfuhr heute noch nicht, wozu ich ihm noch weiter nützlich sein könne, drang auch nicht in ihn, es mir mitzuteilen, denn die Sonne sank tiefer, und mit dem Abend kam das Fieber heftiger, und der Arzt und der Wundarzt zum neuen Verband. Ich ging als die Doktoren anlangten, und versprach wiederzukommen. Die Greisin begleitete mich vor die Tür und brach da in ein heftiges Weinen aus:

»O Herr, ich bin siebenzig Jahre alt, und ich soll ihm ein Gesicht machen wie ein jung Mädchen, welches am Pfingstsonntage zu Tanze gehen will!« …

Mit dem Worte in Herz und Hirn nachklingend stand ich wieder in dem Hofe, fand meinen Weg durch die alte Stadt in den schönen Sommerabend hinein und aus dem Tore der Stadt. Da suchte ich den Garten, den Gertrud Tofote geerbt hatte, und fand ihn nicht mehr. — Der Garten war verschwunden, wie in einem Jahre — vielleicht weniger als einem Jahre, jener prächtige, alte, düstere Cyriacushof mit seinen jahrhundertelangen Erinnerungszeichen, den ich eben verlassen hatte, verschwunden sein konnte — verschwunden war. Die damals durch den rotweißen Pfahl angedeutete Straße zog sich, vollständig ausgebaut, mit Kanalisation und Gasleitung über den romantischen Platz hin. Der Teich, in welchen der Stein der Abnahme hineingefallen war, war ausgefüllt, und die Räder des Tages rollten leicht darüber weg. Die hohen, dunkeln Bäume um das Wunderhaus des achtzehnten Säkulums waren niedergehauen, die Blumen und Büsche ausgerissen; und mit den Bäumen, Blumen, Büschen, springenden Wassern, singenden Vögeln und den Schmetterlingen war auch das Wunderhaus verschwunden; — wunderliche Gebäude freilich waren zu beiden Seiten des macadamisierten Weges dafür in die Höhe gewachsen, und es galt da wirklich, wie es jedermann überall vor Augen hat, mit einer kleinen Abänderung das Wort aus dem Vorspiel zum Faust:

in unsern deutschen Gassen Probiert ein jeder, was er mag.

Welches denn vielleicht der passende Ort zu einer abermaligen mich selbst betreffenden Abschweifung und Anmerkung wäre, oder zur Wiederholung einer schon früher angedeuteten Frage, nämlich: Was gingen grade mich alle diese Leute an? —!

Ich hatte in meinem Leben mancherlei gesehen, erfahren, erlebt, — hatte das, was man geistige Kämpfe zu nennen pflegt, bestanden, und körperliche gleichfalls. Ich hatte auch vielerlei probiert, hatte nicht einen Felsblock, sondern manch ein rund Dutzend den Berg hinaufgewälzt und dem sofortigen Wiederherunterrollen mit offenem Munde nachgestarrt. Gütiger Himmel, ich schäme mich nicht, es zu sagen, ich hatte manche Träne verschluckt und, ohne mich zu schämen, manchen Schweißtropfen vergossen und manchen Seufzer hervorgestoßen: was gingen mich diese Leute und diese Verhältnisse an?

Ich hatte das Leben und den Tod in meinem Leben einander ablösen gesehen und meine Schlüsse daraus gezogen wie irgendein theoretischer oder praktischer Philosoph: wie kam es, daß ich an diesen Zuständen und Menschen, die mir in den Weg geraten waren, wie Tausende mehr, ein so tiefes, inniges und zugleich so schmerzhaftes Interesse nehmen mußte? Wie geschah es, daß mich das Verschwinden des Gartens Mynheers van Kunemund nicht nur ärgerte, sondern auch so ungemein melancholisch stimmte?

Die Antwort auf alle diese Fragen war leicht zu finden. Die Schicksale dieser guten Menschen und Sachen schlugen sämtlich Töne in meiner Brust an, die lange auf diesen Fingerdruck von außen gewartet hatten. Mein Gefühl und Bangen, mein Unbehagen in der Zeit kam hier zum Anklang, und so ward mir im Tiefsten tragisch das, was jedem andern im Werkeltage, wenn auch vielleicht ein wenig betrüblich, so doch im ganzen recht gleichgültig und nichtsbedeutend erscheinen mußte.