Mit Recht! denn welch ein Glück für die Menschheit ist's, daß sie es gar nicht merkt, wie ihr die Zeit, die Jugend, das Glück, das Märchen, der Zauber, die Schönheit, die Zucht und die Tugend (man gestatte mir die zwei letzten verbrauchten Worte) unter den Händen weggleiten! Keines von alle diesem würde eben noch vorhanden sein, wenn man sein Abblassen, Einschrumpfen, Schwinden und Vergehen augenblicklich merkte und den schlimmen Prozeß diagnostisch, die Hand am Pulse, begleiten könnte. Die Menschheit würde es dann schon längst, längst aufgegeben haben, dem Tage und dem Glücke zu trauen. Sie würde den eben erwähnten Entwickelungs-Fort- und -Abgang merklich beschleunigt haben, — sie würde einfach ein beschleunigtes Verfahren der langsamen Hinquälerei vorgezogen haben. Die Philosophen nennen das, was das große Tamtam schlägt, das Ding an sich und haben sich unendlich gefreut, als sie das Wort gefunden hatten. Dieses Ding an sich, insofern es durch jedes neugeborene Kind, oder vielmehr durch jegliches Neugeborene sich darstellt, hat noch nie über den Tod nachgedacht. Mit dem ersten Kinde, mit welchem das Wissen des Todes geboren werden wird, ist die Stunde des Weltgerichts vorhanden, und die erste Mücke, die sich mit Vergnügen von der Grasmücke fressen läßt, spricht das Urteil, also — horchen wir Alten doch noch ein wenig dem sonderbaren, klangvollen Dröhnen in unsern Ohren! —

Ich hatte die neue Straße, über die traumhafte Erinnerung wegschreitend, durchwandert, hatte die verschiedenen Stilarten der frischaufgeschossenen Menschenunterschlupfe ästhetisch-kritisch begutachtet; und, das helle Leben um mich, das Handbuch der Kunstgeschichte im Kopfe, überraschte es mich, als ich mit einem Male vor dem Gitter des Kirchhofes stand, auf welchem man den kleinen, muntern Bruder Autor Kunemunds begraben hatte. Den hatte man noch nicht ausreuten können, den Kirchhof nämlich! Dreißig Jahre und länger verlangt das respektiert zu werden! Es ist recht unangenehm; aber bis dato hat man noch vergeblich sich den Kopf über die Frage zerbrochen, wie der Verdruß abgestellt werden könne; — die Lebenden haben es so eilig, und die Toten wollen sich Zeit gönnen — wahrhaftig, es wäre lächerlich, wenn es nicht so sehr, sehr ärgerlich wäre! —

Ich stand vor dem schwarzen, eisernen Gitter, vor welchem auch die neue Prachtstraße hatte Halt machen müssen, und ich blickte hinein und hin auf die Büsche, Bäume und Blumen über den Gewölben und um die Grabhügel. Sie lachten in der Abendsonne, und nicht ohne Grund. Im schönsten Grün lachte der Garten der Toten über die verschwundenen Gärten der Lebendigen; er allein hatte seine Blumen und Vögel und Schmetterlinge behalten, der Ort der Verwesung! und — ich wendete mich, schritt die neue Straße abermals hinauf, und kaufte im nächsten Buchladen ein Adreßbuch der Stadt, werde es aber den Lesern nicht deutlich zu machen suchen, wie ich gerade jetzt darauf kam.

In diesem Buche des Lebens blätternd und nach allerlei Namen suchend, erreichte ich mein Wirtshaus wieder, bezog am folgenden Morgen eine Privatwohnung und fand mich am Nachmittag zum zweitenmal am Bette des verwundeten Steuermanns Schaake sitzend.

Er befand sich, den Umständen nach, ganz leidlich. Seine Schmerzen wußte er zu verbeißen, und das Fieber trat nicht heftiger auf, als man erwarten konnte. Meinem Besuche hatte er, wie sein alter Hafenkapitän, die schöne, weiße Frau Muhme sagte, mit Sehnsucht und Ungeduld entgegengesehen; und nun waren wir allein, und die Hand auf die Bettdecke des Kranken legend, sagte ich:

»Ich habe mich gestern da und dort ein wenig umgeschaut. Das ist so eine Gärtnerschnurre, die dann und wann gelingt, daß man einen Baum ausreißt, ihn mit dem Gezweig in den Boden gräbt und seinen Spaß und seinen Ruhm davon hat, wenn die Wurzeln wirklich anfangen, Blätter zu treiben. Man nennt das den Gipfel der Kultur, lieber Freund, und ist sehr stolz darauf: was für Früchte unsere Nachkommen aus dem Experiment zwischen die Zähne bekommen werden, können wir freilich heute noch nicht bestimmen, bekümmert uns übrigens auch durchaus nicht. Den Garten, den die kleine Gertrud ererbte, habe ich vergeblich gesucht, aber wo das Fräulein jetzt wohnt, hab' ich in Erfahrung gebracht; und nun, Freund, was ist es mit der Gertrud? was ist aus der Gertrud Tofote, seit jenem Tage, an welchem Sie den Stein der Abnahme aus dem Fenster warfen, geworden?«

Auf diese Frage richtete sich der Steuermann mit einem Ruck auf, der mich
bedauern ließ, sie an ihn gestellt zu haben, denn er biß die Zähne vor
Schmerz dabei aufeinander und hätte fast den Verband seiner Füße in
Unordnung gebracht.

»Unsere Gertrud?… O, ich habe gemeint, der Alte — ich meine den Meister, — den Herrn Kunemund, habe Ihnen das schon gesagt!«

Ich schüttelte den Kopf.

»Nicht?… O, unserm Trudchen soll es sehr gut gehen.«