»Gewiß!« sagte ich, verbindlich mich neigend und überzeugte mich verstohlen von neuem, daß der Meister Autor vollkommen genau gesehen hatte, wenn oder als er das Nämliche gefunden hatte. Dann fuhr ich fort: »Ich war längere Jahre abwesend von dieser Stadt und habe meinerseits gleichfalls die Bilder im Guckkasten in bunter Folge wechseln gesehen. Überall verschiebt die Welt sich, mein teures Fräulein, und sonderbarerweise meistens ohne daß wir es bemerken; das Buch Hiob hat heute in dieser Beziehung in demselben Grade recht wie zur Zeit seiner Abfassung. Wie in den Tagen des Mannes von Uz geht der Herr vorbei, ohne daß wir es gewahr werden; aber manchem alten guten Bekannten bin ich seit meiner Rückkehr doch wieder nahe gekommen. Haben Sie in der letzten Zeit Nachrichten von unserm Freunde, dem Herrn Kunemund erhalten?«

»Nei—n, mein Herr,« sagte das Fräulein, und ich beobachtete dabei leider auch ein etwas mißmutiges Emporziehen der feinen runden Schultern, ließ mich jedoch selbstverständlich nicht dadurch irr machen, sondern fuhr heiter fort:

»Dann habe ich einigen Anspruch auf ihre Dankbarkeit, indem ich Ihnen die neuesten mitteilen kann. Es geht dem braven Alten recht wohl; er führt sein Schnitzmesser so rüstig und kunstfertig wie vor Jahren und hat auch seine übrigen Künste in Wald, Garten und Feld durchaus noch nicht verlernt. Ich hatte die Ehre, ihn neulich auf dem Wege zu treffen, und er lud mich freundlich ein, ihn in seiner jetzigen Häuslichkeit zu besuchen. Zwei sehr angenehme Stunden habe ich in seiner Gesellschaft hingebracht; leider war es nur ein sehr unglücklicher Zufall, der mich mit ihm von neuem zusammenführte, nämlich jenes Eisenbahnunglück, das mich nur einen kurzen Augenblick auf der Reise aufhielt, das aber einem andern, jüngern guten Bekannten, ich meine den armen Steuermann, Herrn Karl Schaake, so teuer zu stehen kam —«

Jetzt fuhr die junge Dame im Ernst zusammen, wurde erst sehr bleich, dann sehr rot und rief:

»Mein Herr?«

»Ja, mein liebes Fräulein, auch ihn habe ich bereits einige Male besucht.
Er leidet große Schmerzen, trägt sie mit leidlichem Humor und macht seine
Umgebung um so trostloser, je vergnügter er sich stellt. Die Ärzte und
Chirurgen sind noch immer nicht sicher, ob sie ihm seine unglückseligen
Füße lassen dürfen oder nicht.«

Gertrude Tofote lehnte sich sehr bleich zurück; dann faßte sie heftig, auf einen kürzesten Augenblick, meine Hand:

»Was sagen Sie?… was ist?… o ich weiß gar nichts!… ich habe nichts von dem erfahren!… ich bitte Sie —«

»Ich habe auch die Bekanntschaft seiner Muhme oder Base gemacht. Ein kurioses Weibchen! ein wenig sehr taub; aber ein alt Jüngferchen wie aus dem Märchenbuch, — und noch dazu aus unserem Märchenbuch, mein teures Fräulein.«

»Jawohl, jawohl, ich bin — früher auch dann und wann mit ihr zusammengetroffen; — er hat den Fuß gebrochen? Karl hat den Fuß gebrochen?«