»Beide Füße! Sie wurden ihm arg verletzt infolge jener bedauernswerten Entgleisung, von welcher Ihnen die Zeitung gesagt haben wird; aber er trägt wirklich sein Elend wie ein braver Mann. Mit seinem Seefahren und sonstigen abenteuerlichen Liebhabereien wird es freilich unter allen Umständen zu Ende sein.«

»Und den Onkel Kunemund haben Sie auch gesehen?« rief die Elfe. »Ich habe ihn lange nicht gesehen. O sagen Sie mir —«

Es war mir augenblicklich unmöglich, weiter etwas zu sagen, denn wir wurden in unserer Unterhaltung unterbrochen und zwar auf die liebenswürdigste Weise von der Welt.

Eine schöne, durchaus nicht alte, eine stattliche, fröhlich lächelnde, dunkeläugige Dame in Dunkelblau und weißen Spitzen glitt durch die Wellen der Gesellschaft zu uns heran, in ihrem Fahrwasser einen jungen Herrn der Tochter des Försters Tofote zuführend. Der Herr war ein Jüngling von zwei-, fünf-, sechs- oder siebenundzwanzig Jahren mit einem etwas knabenhaft rundlichen, sommersprossenübersäeten, gänzlich bartlosen und ganz gutmütigen Gesicht, runden mädchenhaften Schultern und einem Lächeln um den Mund, das, wenn es klar für die Güte des Herzens sprach, von den geistigen Fähigkeiten des jungen Mannes ein wenig undeutlicher redete. Nach einer letzthin bekannter gewordenen Theorie war er also unbedingt mehr der Sohn seines Vaters als seiner Mutter.

»Da bringe ich dir endlich meinen Vetter, Gertrude!« rief die schöne Dame. »Das ist Vollrad, und — sieh, Vollrad, das ist meine süße Hausgenossin. Ihr werdet Euch sicherlich zusammen vertragen? Nicht wahr, ihr versprecht mir das auf der Stelle? Denke dir, liebes Herz, er ist über mich gekommen, wie der Dieb in der Nacht, oder wie die Ameise — nein wie der gepanzerte Mann im Evangel — auch nicht, sondern in den fünf Büchern Moses. Vor einer Stunde ist er von Berlin angelangt; — ich lag, wie du weißt, mit meiner Migräne und meiner Journalmappe auf meinem Zimmer und hatte dich armes Lamm heut abend allein und schutzlos in die böse, schlimme Welt hineinfahren lassen, als er plötzlich vor mir stand. Du kennst mich, Gertrude, du weißt also auch, wie rasch mein Unwohlsein verflogen war, und hier sind wir, und das ist nun die Gertrud, Vollrad! und das ist mein Vetter Vollrad, liebe Gertrud; und wie gesagt, vertragen werdet ihr euch ja wohl — wenigstens so lange, als es dem jungen Herrn hier in der Stadt zu gefallen belieben wird — nicht wahr?«

Ich hatte den Wortstrom dicht neben mir vorüberrauschen lassen; jetzt wurde mir auch noch das Vergnügen zu teil, der näheren Vorstellung zwischen den beiden jungen Leuten anwohnen zu dürfen. Darauf aber empfahl ich mich, und Gertrude Tofote sagte:

»Ach, wir haben uns eigentlich noch so vieles zu sagen!… und ich hätte so vieles zu fragen! Nun, wir sehen uns sicher noch häufiger in der Gesellschaft!«

»Ich hoffe das,« sprach ich und zog mich zurück mit einer höflichen
Verbeugung. Auch die gnädige Frau grüßte und der Vetter gleichfalls. Im
Zurückweichen sah ich noch, wie die schöne Dame sich gegen das junge
Mädchen neigte, und nahm die Frage von ihren Lippen mit:

»Wer ist es denn, Gertrud? Der Herr kommt mir bekannt vor; aber ich kenne sehr viele Leute.«

Was mich anbetraf, so kannte ich auch sehr viele Leute: die schöne stattliche Dame war die Frau Christine von Wittum, die junge rasche Witwe eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten, und Gertrud Tofote wohnte mit ihr unter ein und demselben Dache. Daß die gnädige Frau sich auch meiner aus früherer schönerer Zeit erinnern mußte, stand mir in unumstößlicher Gewißheit fest. Doch davon später. —