Achtzehntes Kapitel.

Von meinem ersten Besuche bei dem Steuermann an waren acht Tage vergangen. In diesen acht Tagen hatte ich mich von neuem häuslich in der Stadt eingerichtet, hatte unter meiner sonstigen Korrespondenz den Brief an den Meister Autor abgeschickt, hatte die hübsche Gertrud im Schoße der besten Gesellschaft des Ortes gefunden, war mit der schönen Witwe Christine von Wittum und ihrem Berliner Vetter Vollrad in Berührung — angenehme Berührung — gekommen, und saß am neunten Tage auf meiner Stube und an meinem Schreibtische in der festen Gewißheit, daß nicht alles gut war — weder was mich selber, noch was die andern anbetraf.

Sehr unbegründet ärgerte mich heftig der Meister Autor Kunemund, der aus den mitgeteilten stichhaltigen Gründen nichts von sich hören ließ. Dem Steuermann ging es schlecht; dem Töchterlein des Försters Arend Tofote ging es zu gut, und ausgezeichnet gut ging es der Frau Christine, welche die einzige unter uns war, die das Leben vom rechten Standpunkt aus ansah und also auch sich in es zu schicken wußte, und — — andere Leute auf ihre Seite hinüberzuziehen wußte.

Es ist eine im Grunde lächerliche und dem denkenden Menschen auffällige Tatsache, daß je mehr das unbefangene Interesse am Dasein und den Bedingungen desselben wächst, in demselben Grade das Vergnügen und Behagen dran abnimmt. Denn wenn auch in früheren Epochen die Menschen es sich gleichfalls recht sauer haben werden lassen in der Arbeit, sich es behaglich auf dieser Erde zu machen, so fehlte ihnen doch das intensive Bewußtsein dieser großen Mühe, und das haben wir jetzt im vollsten Maße, und das ist das Elend! Darüber habe ich lange und tief nachgedacht, auch kluge Nachbarn zur Rechten und Linken um ihre Ansicht und Meinung darob befragt, und nachdem auch sie länger und genauer darüber nachgedacht hatten, haben sie die Achseln gezuckt, mich seufzend von der Seite angesehen und sind — wieder an ihre Geschäfte gegangen. Wer Ohren hat zu hören, der höre, und nehme Rat an und setze sich hart! — ein Schemel von weichem Holz, vor dem Lehrstuhle der Erfahrung ist das einzige, was der Menschheit noch helfen kann. »Bitte Platz zu nehmen,« sagt der Mann aus Sinope; und: »Bitte Platz zu behalten!« sagte schon lange vor ihm der Prediger Salomo; — »Wer aber stehend besser hören kann, den soll man gleichfalls nicht hindern!« sprach lange nach den beiden der heilige Simon Stylites, der syrische Mönch mit einem sonderbaren Blicke auf die Stadt Antiochia; — ich persönlich setze mich selbstverständlich am Schlusse dieser Historia so weich als möglich. —

Man spinnt dergleichen philosophische Gedankengespinste dann und wann nicht ungern und, seltsamerweise, dann am liebsten, wenn der Lehnstuhl recht bequem ist, und man auch sonst durch keine geistige und körperliche Abhaltung gehindert ist, sich seinem asketischen Behagen mit vollkommener Freiheit hinzugeben. Mit diesen und ähnlichen Gedanken, wie man das nennt, beschäftigt, drehte ich in meinem Lehnstuhle vor meinem Schreibtisch die Daumen umeinander, als es an meiner Tür pochte.

Es klopft häufig an meiner Tür, wie der Leser bereits erfahren hat, und ich pflege mich nie durch ein »Nicht zu Hause« zu verleugnen; den Kreis meiner Bekannten habe ich niemals zu verengern gesucht, und dazu gehörte der Mensch, der jetzt kam, sogar zu meinen Freunden, und nach dem Meister Autor konnte mir niemand gelegener kommen.

Der Teufel, dem das weißeste Weiberfleisch nicht zu weiß und zu zart und nicht zuwider ist, wenn er in der Maske das Seinige bequemer zu verrichten hofft, kann schwarz, recht schwarz auf der Bühne erscheinen; aber schwärzer kann er sich unmöglich aus der Kulisse schieben, wie mein jetziger Besuch.

»Ceretto! Signor Ceretto!« rief ich. »Von Allen aller Hautschattierungen mir Gesegneter! Mein schwarzer Diamant! mein Sonnenstrahl vom Mondgebirge! mein unsträflicher Äthiopier aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, — seid Ihr es denn wirklich? Alter Freund, ist es wirklich kein Gerücht, wandelt Ihr wirklich noch unter den Lebendigen, um mit dem Meister Kunemund dieser schlechten Welt die Stange zu halten?«

»An jedem Ende einer,« lachte der Schwarze, den schlossenweißen wackelnden Haarwulst mir entgegenschüttelnd. »Und sie springt, Herr! sie springt gut und überschlägt sich mit Grazie. Ich hab' es meiner Zeit im Zirkus kaum besser gemacht; aber ich verstehe mich eben drauf, und habe also auch heute noch mein Vergnügen dran, was auch der Herr Kunemund seinerseits dagegen vorbringen mag.«

»Und wie er sich konserviert hat!« rief ich, entzückt und zärtlich das schwarze Greuel in die Arme fassend. »Seine siebenzig Jahre hat er bald gut auf dem Nacken; aber wie steht er noch auf den Füßen! wie sieht er noch aus den Augen!«