»Und es ist doch eines der herrlichsten Weiber, welches je einen Ballsaal verzaubert, einen alten Ehemann begraben und einen vernünftigen Menschen in den besten Jahren gründlich um seine Kaltblütigkeit und alle ruhige Überlegung gebracht hat!« Ich hätte beinahe hinzugesetzt »unglücklich gemacht hat«, erfaßte jedoch glücklicherweise im letzten Augenblick noch einen Binsenhalm und versank wenigstens nicht in diesen Abgrund der Lächerlichkeit, entfernte mich jedoch mit den weitesten Schritten eilig von seinem Rande.
Ich lief durch das Gebüsch und um die Blumenbeete der städtischen Anlagen bis dahin, wo sich die begleitenden Häuserreihen dem Bahnhofe zu erstrecken.
Es war noch ein später Zug angelangt. Gasthofswagen und Droschken rollten an mir vorbei; Reisende in Gruppen oder einzeln wanderten mit ihrem Gepäck, ohne solches, oder in Begleitung von Packträgern in die Stadt hinein. Die Nacht schien von Minute zu Minute lieblicher werden zu wollen, und um das letzte Rasenrund und Blumenbeet am Eingange der eigentlichen Straßen biegend, traf ich auf den letzten Reisenden, der in der soeben geschilderten Weise mit der Eisenbahn gekommen war und dem Weichbilde zuwanderte, nämlich auf den Meister Autor Kunemund.
Er sah mich natürlich nicht. Er wollte hastig an mir vorüber. Er schien es jetzt sehr eilig zu haben, er, der uns so lange auf eine Antwort hatte warten lassen, und selbstverständlich packte ich ihn sofort fest am Oberarm und hielt ihn auf.
»Alle Hagel! was soll — was ist — ja, Herr, sind Sie denn das?« rief er anfangs erschreckt und zornig und dann um so freudiger. »Sind Sie es wirklich? O, ich kann Ihnen gar nicht ausdrücken, was für ein Segen das für mich ist, daß ich Ihnen hier so gleich zum Anfang in die Arme renne. Das nenne ich wahrhaftig eine Schickung.«
Vor allen Dingen hatte er hastig meine Hände gefaßt und schüttelte sie kräftig.
»Wer schickt Sie denn, Meister? Meiner Meinung nach haben wir Sie doch kläglich genug gerufen! Kommen Sie nicht auf den Hülfeschrei in meinem Briefe?«
»Ein Brief? Von Ihnen? Einen Brief von Ihnen habe ich nicht gekriegt — wenn Sie mir wirklich geschrieben haben, wird er wohl noch beim Vorsteher liegen — das macht sich öfters so bei uns. Ich bin erst heute mittag mit der Alten zu Hause angekommen! Herr, ich habe die Alte mir holen müssen, und das ist wieder eine Geschichte für sich! Sie sollen sie beiläufig auch ins einzelne hören — ich sage Ihnen, ich habe Tage erlebt und Komödien an meinem eigenen Leibe durchgemacht, wie das in keinem Buche steht. Sie saß richtig schon vor dem Dorfe auf dem Anger, ihr Gerümpel um sie her; und eine Woche von meinem Dasein hat's mich gekostet, um ihr zu ihren Rechten und aber auch von drei Dutzend Injurienprozessen zu helfen. Jetzt habe ich sie denn endlich glücklich bei mir unter Dach, und wenn Sie mir wieder einmal die Ehre schenken wollen, mich zu besuchen, so — doch, Herr, von alledem später, mir wirrt der Kopf und gellen die Ohren, daß es gar nicht zu sagen ist. — Was passiert hier? was ist es, das mich hierher gerufen hat, daß ich hätte kommen müssen, und wenn ich der alte Fritz an der Spitze seiner ganzen Armee gewesen wäre und nicht gewollt hätte?! Herr, wer rief hier um Hülfe? wer ist tot, oder wer will sterben?«
Mich überlief es weder heiß noch kalt, doch ich sah in dem bleichen Lichte über die Schulter und dann empor und fühlte den leisen, schönen Nachtwind mehr auf der Stirn und im Haar.
»Sind die geheimnisvollen Hände immer noch an ihrem Werke? Nun, dann mögen wir guten Leute mit unserm Erdentage anfangen, was wir wollen: es bleibt doch beim alten und die Welt ein großes Wunder!… Mein alter, teurer Freund, seit jenem Tage, an welchem wir vor Ihrem Dorfe am Hohlwege zusammentrafen, kämpft jemand, von dem wir damals auch sprachen, einen schweren Kampf, und es geht ihm sehr — sehr schlecht.«