»Wer? wer?«
»Der gute Steuermann Karl, dem alle blinden Klippen und wilden Stürme nichts anzuhaben vermochten. Bei jenem Eisenbahnunglück sind ihm die Füße zerschmettert worden, und er liegt hier in der Stadt bei der Base Schaake, und um seinetwillen habe ich Ihnen geschrieben.«
»Also das war es!« sagte der Meister Autor leise. »Ihren Brief habe ich, wie gesagt, nicht erhalten, aber man hat mich heute nach dem Mittagsessen gerufen. Ja, dann ist's der Karl, der stirbt und der rief; — o ich habe eine unbeschreibliche Angst gehabt, daß unserm Trudchen etwas Schlimmes passiert sei.«
Wir gingen jetzt rasch vorwärts durch die Straßen der Stadt.
»Wer — was hat Sie nach dem Essen gerufen?« fragte ich, den Alten im Gehen stützend.
»Sie werden ja wohl nicht lachen, aber auch das würde mich nicht verhindern, Ihnen das Ding zu erzählen,« sagte Herr Kunemund. »Lächerlich genug ist's auch im Grunde, wenn sich gleich der Ernst schlimm genug dran hängt! Sehen Sie, die Alte spielte natürlich ihre Rolle dabei; denn die werde ich jetzt mal wieder aus nichts mehr los. Wir waren eingerückt, und sie hatte Besitz von meinem Topfe und meiner Pfanne genommen, und ich merkte gleich, daß nun wieder alles beim alten sein werde; denn da schon ging es an, und nichts war ihr recht, und so brachte sie denn ihre erste Suppe wieder auf den Tisch, und da sie zum ersten Anfang ihre Sache recht gut hatte machen wollen, so war die Geschichte nicht allein versalzen, sondern auch recht sehr angebrannt, und ich gestattete mir die erste Bemerkung wieder darüber. Da ging die Unruhe an!«
»Aber das trieb Sie doch nicht dreiviertel Stunden Weges über das Feld zur
Eisenbahnstation und mit dem Nachtzuge hierher?«
»Nein; aber im Anfang schob ich es doch darauf; denn, Herr, ich war in großen Sorgen, und mein Leben kam mir wieder einmal recht verdreht vor. In der Stube hielt ich es nicht aus, — suchte also meinen Mittagsschlaf im Grasgarten unterm Baum abzutun; aber da wurde es nur schlimmer als arg. Ich war grimmig über mich, über die Alte, über meine Bauern in meinem Dorfe und über ihre in ihrem; ich hielt es nämlich zuerst für Ingrimm, bis ich herauskriegte, daß es Angst war — ich sage Ihnen — Angst, Herr Bergschreiber! Ja was denn? fragte ich mich. Ein Gewitter steckt nicht in der Luft, das Unwetter, was du jetzo wieder im Hause hast, hast du doch länger als zwanzig Jahre mit deinem Tofote ohne Schaden an Leib und Seele ertragen! Sehen Sie da — da — da war es, am hellen Tage, in der hellen Sonne, daß ich gerufen wurde! von hier gerufen wurde — und natürlich sagte ich mir mit dem kalten Schweiß auf der Stirn: Es ist das Kind, es ist unser Trudchen! auf das Kind ist ein Unglück gefallen. Herr, lieber Herr, und einen Gang wie meinen heutigen nach der Station, ein Warten wie das stundenlange Warten da und eine Fahrt wie meine jetzige, die hoffe ich nicht wieder durchmachen zu müssen.«
»Fassen Sie Mut, Meister. Wer weiß, was Ihr Kommen wenden soll? Wer weiß, wozu Sie — gerufen wurden? Nicht jedermann bekommt einen solchen Ruf, das schon allein kann Ihnen eine Bürgschaft sein, daß alles im richtigen Geleise sich befindet.«
»Da haben Sie vielleicht recht,« sagte der Meister Autor. »Seit ich den Fuß aus dem Wagen gesetzt habe, ist es mir auch wirklich besser und ganz wie gewöhnlich geworden. Seitdem die Alte über meinen ganz unschuldigen Spaß sofort wieder die Schürze an die Augen brachte und losheulte, als ob der Bock sie gestoßen habe, ist es mir durch den vollen Tag gewesen, als halte mich eine Hand hinten am Rockkragen gepackt, dränge mich gegen die Wand und wolle mich mit dem Kopfe zuerst durchstoßen. Dieser Karl, der arme gute Junge tut mir mit seinen blutigen Füßen, weiß es Gott, herzinnig leid, aber die Hand spüre ich nicht mehr im Genick; — wissen Sie, mit der See und dem Erdumfahren wird's aus und zu Ende sein; aber, was meinen Sie, er zieht zu mir — wir passen zueinander — haben aneinander einen Trost und eine Stütze gegen die Alte, und führen doch noch ein Leben, das sich tragen läßt!«