Wir beeilten uns in der Tat; ich aber sprach dem Kinde an meiner Seite noch einmal guten Mut zu.

»Es war doch gut von Ihnen, Gertrud, daß Sie dem Rufe der alten Frau im Cyriacihofe sofort nachkamen. Den Onkel Kunemund hat es auch recht gefreut, und er wird Ihnen gewiß noch häufig seinen Dank dafür sagen. Ich, der ich die Lage der Dinge so ziemlich genau kannte, ahnete wohl, wohin Sie uns verschwunden waren; aber unsere Freundin, die Frau Christine war sehr besorgt und in rechter Unruhe Ihretwegen.«

»Oh!« flüsterte die Elfe, und so erreichten wir die Tür der Hexe, und nahmen auch wieder einmal Abschied voneinander.

»Da sind wir zu Hause,« sagte ich, »und nun bitte ich Sie herzlich, liebes Fräulein, nehmen Sie sich das Elend der Welt nicht mehr zu Herzen, als nötig ist. Es ist noch nie etwas Außergewöhnliches auf Erden vorgefallen. Sie sind es sich und uns — allen Ihren Freunden schuldig, daß Sie auf Ihre Gesundheit Rücksicht nehmen. Jedenfalls müssen Sie fest überzeugt sein, daß wir alles tun werden, um Ihnen fernere persönliche Aufregungen zu ersparen.«

»Gute Nacht, mein Herr, ich danke Ihnen,« sagte Gertrud Tofote, und ich wendete mich gegen unsern Begleiter, der sich jetzt dicht an uns hielt:

»Gute Nacht, Ceretto. Wir beide haben noch ein Wort demnächst miteinander zu reden.«

»Ich wünsche Ihnen, recht wohl zu ruhen,« sprach der Alte. Mit welcher Miene er das sagte, konnte ich leider nicht erkennen; denn der Mond hatte seinerseits seinen Weg fortgesetzt, und das Haus der Frau Christine von Wittum lag nunmehr im tiefen Schatten. Die Gesellschaft hatte sich längst getrennt, die Fenster des Salons waren ganz dunkel, und nur hinter den Vorhängen des Winkelchens hervor, aus welchem die Frau Christine mich und die Base Schaake das Trudchen abgerufen hatte, leuchtete noch ein schwacher Schein, das zierliche Flämmchen in dem weißen Lilienkelche.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Statt jetzt zu Bett zu gehen, ging ich von dem Hause der Witwe aus weiter. Anfangs an zierlichen Gartengittern vorüber, dann durch taufrische, von lebendigen Hecken eingefaßte Pfade und zuletzt im stillen, freien Felde. Es verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen. Nur ein erbärmlich kahlgezaustes Bauerngehölz warf einmal einigen Schatten auf mich, doch das war bald durchschritten und das dicht dran gedrückte noch im Schlafe liegende Dorf gleichfalls. Das nächste Dorf fand ich bereits wach, und vor dem Kruge eine Bank und einen Tisch, an welchem letztern ich mit dem zufrieden war, was die Wirtschaft zu bieten hatte. Da sah ich die Sicheln und Erntewagen an mir vorüberziehen und hielt die Hand in den ersten Sonnenstrahl des neuen Tages. Wer im Grunde nur für sich selber zu sorgen hat, kann im Auskosten des Leidens und der Freude der Welt um ihn her, sich Genüsse verschaffen, in welchen der sublimierteste Egoismus, dessen der Mensch fähig ist, sich gipfelt. Das höchste, innigste, innerste, schärfste Leben lebt man in diesen Momenten; — wer es leugnet, möge es mit einem Gesichte tun, wie ein Frauenzimmer, das nach einem in der Familie eingetretenen Todesfall den Traueranzug vor dem Spiegel anprobiert. —

Durch einen sehr heißen, wolkenlosen Morgen schlich ich müde und abgespannt zur Stadt zurück, schlief totenähnlich bis zum Mittag auf dem Sofa und fragte am Nachmittage bei den Leuten im Cyriacihofe an, ob ich mich ihnen in irgendeiner Art nützlich erzeigen könne. Herr Autor sowohl wie die Frau Schaake erkannten die Höflichkeit über Verdienst an, aber sie verwunderten sich selber darüber, wie glatt in solchen Fällen das alles abgehe. Geistliche wie weltliche Behörden machten den Trauernden die Tage so leicht als möglich. Es waren Namen, Daten und Zahlen in gedruckte Schemata einzutragen gewesen, und der Sarg im Hause ohne jegliche Weitläufigkeit.