Ein gut Teil der Freunde und Bekannten ging auch mit hinaus auf den Kirchhof und, nachdem das feierliche: Von Erde bist du genommen usw. — gesprochen worden war, soviel als möglich im Schatten sich haltend, wieder nach Hause. Der Meister Autor und ich blieben noch ein Weilchen, der — Erde und der Sonne zum Trotz.
»Es ist doch kurios,« sagte Herr Kunemund, nachdem wir einige Minuten stumm neben der halbzugeschütteten Grube gestanden hatten, »sonderbar ist's eigentlich, daß man grade bei solchen Gelegenheiten am deutlichsten spürt, daß man vorhanden — daß man da ist.«
»Freilich,« sagte ich, »aber Meister, dazu gehört eben doch auch, daß man wenigstens ein einziges Mal schon vorher wirklich und im Vollen gefühlt hat, daß man da ist, und das ist keineswegs so häufig der Fall.«
»Darüber hab' ich noch nicht nachgedacht,« sprach der Meister Autor; und dann tauschten wir einige andere Gedanken und Bemerkungen aus, die zwar weder groß noch tiefsinnig waren, dessenungeachtet aber doch gedacht und gemacht werden mußten.
»Am meisten kümmert mich der Hafenmeister,« seufzte der Alte. »Was dieser hier mich angeht, so bin ich zufrieden, weiß mich zu schicken und zu fassen; ich setze mich da nur ein wenig fester auf meiner Schnitzbank. Aber was denken Sie über die Base Schaake?.. Der Junge war ihr Liebling und ihr ganzes Leben; und wenn er auch oft lange Jahre von ihr weg war, und sie es also schon gewohnt sein sollte, so wird sie sich in diese Ruhe doch niemals finden. Sie kann's nicht, sie wird's nie können. Ob sie ihr eigenes Leben einmal, wie Sie sagen, ein einziges Mal im Vollen gefühlt hat, weiß ich nicht, aber daß sie in dem Jungen ihr Dasein spürte, das will ich wohl beschwören. Ich kenne sie danach! Wenn er abwesend war, so war es ihr einziger Trost, daß sie saß und las. Ich sage Ihnen, sie las — und was las sie? Den Robinson und die Geschichte von dem fliegenden Holländer und vor allem andern die Geschichten von dem türkischen Kaufmann, der zu den Leuten kam, die das Gesicht mitten auf dem Bauche trugen, und der einen Walfisch für eine Insel hielt und mit seinen Kameraden ein Feuer drauf machte, um seine Suppe zu kochen. Was sie sonst von Reisen und Abenteuern auftreiben konnte, las sie und glaubte alles. Ihren Augen sahen Sie es nicht an, wie bunt es oft in ihrem Kopf herging. Sie reiste mit, die alte Frau, und erlebte auf ihrem Spinnstuhle die menschenmöglichsten Dinge. Ich habe oftmals mein Erstaunen und meine Verwunderung darüber gehabt, was für ein beschlagener Reisender sie war. O sie wußte dem Jungen, jedesmal wenn er heimkam, von ihrem Stuhle her mehr Merkwürdigkeiten zu berichten, als er ihr von seinem Schiffe aus. Er hat es mir selber oft genug halber weinend und halber lachend erzählt. Und das ist nun vorbei, Herr; das ist vorbei, und das ist das Schlimme und Angstvolle, lieber Herr! Was soll die alte Frau anfangen; jetzo, da sie ihrem Jungen nicht mehr nachreisen kann? Versunkener Garten, Herr! Sie, Herr Bergmeister, haben eben auch mit uns andern drei Schaufeln voll Erde drauf geworfen!«
»Zum Teufel, ja!« schrie ich im Innern meiner Seele und zwar mit dem nämlichen objektiven Grimm, mit welchem der Meister Autor vorgestern abend den Signor Ceretto, den bremischen Mohren, anschnauzte. Laut sage ich, indem ich dem Greise zu gleicher Zeit leise und gerührt die Hand auf die Schulter legte:
»Ob wohl die Base ihrem braven wilden Seefahrer nicht doch schon wieder nachreist?! Es wird ihr auch da an Reiseführern nicht ermangeln.«
Der abendländische Lebensbaum, =Thuja occidentalis=, die Stinkzypresse wucherte in großer Menge auf dem Friedhofe und war das einzige Gewächs, das sich in dieser Hitze wohlzufühlen schien. Der Meister hielt einen abgebrochenen Zweig davon in der Hand, lächelte und sagte:
»An das Einfachste denkt man immer zuletzt.«
Nun wäre eigentlich nichts weiter zu sagen gewesen, aber ein guter Rat, oder das, was man gewöhnlich für einen solchen nimmt, geriet mir auf die Zunge, und ich enthielt ihn dem alten Freunde nicht.