»Herr Kunemund, alle Umstände ineinander rechnend, könnten Sie jetzt wohl noch einmal den Versuch machen, es hier bei uns in der Stadt auszuhalten. Die erwünschte Stille würdet Ihr auf dem Cyriacushof im vollen Maße finden — Ihr und der Hafenmeister gehört im Grunde ganz und gar zueinander, und es würde gewiß kein Tag vorübergehen, an welchem Ihr das nicht von neuem ausspürtet. Überlegt es Euch!«

»Das habe ich wohl schon dann und wann überlegt,« erwiderte der Meister. »Auf den ersten Blick sieht es sich freilich ganz hübsch an, aber bei genauerer Besichtigung tut es sich denn doch nicht. Wie lange steht denn der Hof noch aufrecht, Herr? Sie wissen es ebenso gut als ich, daß die Maurer mit den Brecheisen und die Zimmerleute mit den Äxten im Anmarsch auf ihn sind. Das alte Gemäuer mag freilich lange genug gestanden haben, aber der Base Schaake wegen hätte es doch noch gut ein paar Jährchen länger stehen bleiben können. Herr, je älter man wird, desto brüchiger scheint auch die Welt um einen her zu werden. Wie sich dieses demnächst machen wird, kann ich heute noch nicht sagen: die eine Alte hab' ich ja schon daheim im Hause; wer weiß, ob ich mir nicht auch die andere dazu holen werde. Lieber Herr, Sie sind jedenfalls jetzt schon eingeladen, sich unsern Haushalt dann mal anzusehen.«

An den demnächstigen Abbruch des Cyriacihofes hatte ich nicht gedacht und wußte auf die Erinnerung daran nichts zu entgegnen. Der Meister Autor seufzte noch einmal recht tief; dann warf er den Thujazweig, den er bis jetzt mechanisch zwischen den Fingern gedreht hatte, in das Grab des Seefahrers, nahm meinen Arm, und wir verließen den Kirchhof. —

An der Pforte fanden wir keinen uns erwartenden Wagen mit einem ob unseres Zögerns verdrossenen Kutscher. An heißen, mit Teer getünchten Planken, Holzhöfen, Gartenmauern und vereinzelten unschönen Häusern vorüber führte uns unser Weg durch den heißen, vom Abfall der Fabrik- und Kohlenwerke geschwärzten fußhohen Staub nach der Stadt zurück. Auf diesem Weg sprachen wir nichts mehr miteinander, bis uns an einer Wendung, die er machte, ein anderer Leichenzug entgegenkam, und wir beiseite traten, um ihn vorbei zu lassen.

Da sagte der Meister, den Kopf schüttelnd:

»Das ist doch wunderlich!«

»Was ist wunderlich, alter Freund?«

»Daß andere Leute immer bei dem nämlichen Geschäfte, in derselben Lage, in ganz demselben Pläsier und Jammer sind. Auf dem Dorfe wird es einem nur nicht so deutlich! I, sehen Sie doch nur — eben sind wir fertig —«

»Und fangen die andern an. Richtig. Ausgefahrene Geleise, Meister Autor! Das einzige Neue liegt nur grade bei den Leuten, die aus ihrem Dorfe kommen, um sich darüber zu verwundern, und nicht bloß hierüber!«

»Hm, hm, da kein Ende dran ist, wird es freilich auch wohl keinen Anfang haben,« brummte Herr Autor Kunemund. »Hat das auch schon einer herausgefunden und schriftlich attestiert?«