Wir sprachen nicht über Neptunismus und Plutonismus, aber wir sprachen auch nicht über Platonismus; denn was den letztern anbetraf, so unterhielten wir uns eine geraume Zeit darüber: wer von unseren damaligen Bekannten und Bekanntinnen, Freunden und Freundinnen geheiratet habe, und wer nicht. Wir berührten auch ganz leise die delikate Erfahrung, daß die Zeit mit überraschender Schnelligkeit hingehe, und von diesem Absatze der Unterhaltung aufblickend, fanden wir es von neuem entsetzlich schwül.
Es verwirrte sich der Tag allgemach in meinem Gehirne mehr und mehr. Der heiße, schwermütige Gang und die helle unbarmherzige Sonne, das offene Grab und das halbzugeschüttete, der Meister Autor mit dem Thujazweige an dem Grabe, und dann der kühle, der kalte Cyriacushof, die dämmerige Stube der Base Schaake, in der die unheimlichen Kerzen nicht mehr brannten, wo aber Trudchen Tofote auf dem Spinnstuhle der Greisin neben dem trostlosen Hafenmeister saß! Und jetzt? Da rieselte, plätscherte inmitten des tropischen Gartens der kleine künstliche Springbrunnen, und die Goldfische im buntausgelegten Becken stiegen auf und ab in ihrem Elemente, schwänzelten hin und her, — fort und fort. Auf dem Rande des Beckens kroch oder klebte vielmehr eine handgroße Schildkröte, welche fortwährend leise den Kopf aus der Schale vorschob, um ihn ebenso leise und langsam wieder unter dieselbe zurückzuziehen, und ich sah auf das Tier, und mit einem Male überkam mich die stupid-stupende Vorstellung, wie angenehm es sein müsse, in solch ein Geschöpf einmal überzugehen und gleichfalls regungslos zu sitzen und von dem Rande der Flut in ähnlicher Weise dem Spiel, dem langweilig beweglichen Spiel der Gold- und Silberfische zuzusehen.
Unwillkürlich, mich gänzlich in dieser beneidenswerten Art der Metempsychose verlierend, schob auch ich den Kopf und Hals aus der Krawatte hervor und zog beides wie die geharnischte Kröte zurück; richtig, es ging bereits!… und mitten in der Schwüle, der schlimmen Schwüle des Abends perlten mir plötzlich die kältesten Angstschweißtropfen auf der Stirn: was ging es mich an, ob der Meister Autor Kunemund sein eigenes Leben habe? Hatte ich nicht auch das meinige?! Hatte nicht die gnädige Frau recht?
Was ging mich überhaupt der Meister Autor samt seiner Sippschaft an? Seit ich ihn kennen lernte, hatte er nicht ein einziges Mal etwas Außerordentliches gesagt — und getan noch weniger — —
Ich war nahe daran, ziemlich geringschätzig über den Meister Autor zu denken, als ein langhallender, aber sehr ferner Donner durch den grauen, heißen Abend rollte. Dabei blieb es jedoch auch: das Gewitter kam durchaus in der Weise, wie es sich angekündigt hatte, nicht. Es krepierte.
Und die Frau Christine sprach währenddem immerfort freundlich weiter und unterhielt mich auf das liebenswürdigste. Der Meister Autor hatte mehrmals von dem Versinken der Gärten in dieser Welt gesprochen; das behielt freilich sein Recht, doch wer hinderte uns denn, in dem Grün zu lustwandeln und die Vögel singen zu hören, die Wasser springen zu sehen, solange es noch anging? Wer hinderte uns, die beste Obstbaum- und Gemüsezucht zu treiben, solange der fruchtbare Humus noch zutage lag? Spargel und grüne Erbsen, Melonen, Äpfel, Birnen, Pflaumen sind etwas recht Gutes und lohnen die Mühe und Arbeit, die man auf ihre Kultur verwendet. Wir sprachen gerade darüber ziemlich eingehend, das heißt, wir legten einander unsere Stellungen in der Gesellschaft klar und mit größtmöglichster Unbefangenheit dar und fanden von neuem aus, daß wir alle beide gar nicht verächtliche Gartenkünstler seien, sowohl was die Blumen- als was die Gemüsezucht anbetreffe. Signor Ceretto Wichselmeyer behielt einfach das letzte Wort; wie es geschah, weiß ich selber nicht genau anzugeben, aber das Faktum steht mir heute unumstößlich fest: ich sprach der Frau Christine von Wittum den Wunsch aus, frühere liebliche Tage in behaglicherer und gediegenerer Weise von neuem leben zu dürfen, worauf sie lachte und meinte, sie habe nichts dagegen einzuwenden.
Darauf wurden wir sehr ernst, unterhielten uns ungemein ruhig über das Glück der Ehe und setzten unseren Hochzeitstag fest. Wir hatten beide niemand um seinen Rat oder gar seine Zustimmung anzugehen; wir waren beide mündig — ich sogar sehr — und was noch wichtiger war, wir glaubten fest, es zu sein; und so — wurden wir zu Winters Anfang ein Paar, umzäunten ein neues Stück Erdenland und fingen von neuem an zu graben und zu pflanzen, wie Adam und Eva — sowohl dem Apfel des Glücks, wie dem Stein der Abnahme zum Trotz. —
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Als ich dem Herrn Kunemund am folgenden Tage, das heißt am Tage nach dem Begräbnis des Steuermanns Schaake, im Cyriacihofe meine Verlobung mitteilte, schien er sich im Anfange ein wenig zu wundern. Ich muß es ihm aber lassen, daß er sich rasch zu fassen und seinen Glückwunsch in gebührender Form abzustatten wußte.
»Sie werden doch unser Trudchen im Hause behalten, Sie und Ihre liebe Frau Gemahlin?« fügte er dann an. »Hier im Hofe findet sie sich eben in keiner Weise, das ist mir jetzt schon von neuem klar aufgegangen. Und was sollte sie bei mir und der Alten in unserm Dorfe? Das Kind ginge da einfach zugrunde.«