»Und Mißbehagen habe ich als Zuschauer dagestanden und wahrlich mehr guten
Rat empfangen als gegeben.«

»Sie behaupten also, mein Herr, mir das törichte Ding, dieses hübsche aber gänzlich unbedeutende Waldblümchen, diese Gertrud Tofote, aus welcher ich in einer Laune mein Püppchen, mein Spielzeug gemacht hatte, nicht genommen zu haben?«

»Mein Wort darauf!«

Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein. Draußen in der Gasse trieb sich jetzt ein heißer Wind um, und die Staubwirbel bis zu unserm Balkon in die Höhe.

»Schließen Sie doch die Balkontür, bitte,« sagte die Frau Christine. »Heute bin ich meinerseits in der Stimmung, alles um mich symbolisch zu nehmen und mich darüber zu ärgern.«

Ich lächelte, und —

»Lachen Sie nicht!« rief die gnädige Frau, in der Tat ziemlich aufgeregt; aber zurücksinkend kam sie auf meinen letzten Ausruf zurück.

»Ich muß Ihnen also wohl auf Ihr Wort hin glauben! O, wüßten Sie nur, wie sehr es mich innerlich angriff, als mir dieses alberne Trudchen den Stuhl vor die Tür setzte. Gütiger Himmel, etwas muß ich doch haben, um dieser tödlichen Langweile zu entgehen, und es machte mir doch wenigstens für einige Monate Spaß, diese kleine Intrige geschickt zu führen. Weshalb will sie denn meinen guten Vetter nicht? Der brave Seemann war ihr nie etwas; es wird ihr überhaupt niemals jemand viel sein können! Dem guten Vollrad kommt es darauf nicht an, und er ist wirklich außerdem gar nicht so übel. Wahrhaftig, lieber Freund, auch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nicht — einzig und allein — aus erbärmlichen Philisterinteressen hier kuppelte. Baron, ich mußte einmal wieder etwas um die Hand haben, und, vertraulich gesagt, ich gebe den Faden auch noch nicht aus der Hand. Ich bin fest überzeugt, daß ich doch noch meinen Willen bekommen werde und zwar zum Besten aller dabei Beteiligten.«

»Das ist auch meine feste Überzeugung!« rief ich und sprach nie ein wahreres Wort. —

Das Gewittergewölk war unterdessen immer höher emporgerückt und zwar von allen vier Weltgegenden her. Die schweren Dunstmassen legten sich immer dunkler eine über die andere, und jedermann sah nach seinen Fenstern und Fensterläden, oder warf bedenkliche Blicke am Blitzableiter empor, wenn ein solcher in der Nähe seiner Wohnung vorhanden war. Sorgliche Familienväter benutzten die günstige Gelegenheit, ihre Kinder auf die Vorsichtsmaßregeln, die von den denkenden Menschen bei einem Gewitter anzuwenden sind, und die so selten jemand in Anwendung bringt, von neuem aufmerksam zu machen. Alte und junge nervenschwache Weiber von beiden Geschlechtern atmeten nur noch in der Vorstellung, daß sich ja ein Keller unter dem Hause befinde, und — ich und die schöne junge Witwe dachten an gar nichts, sondern unterhielten uns von jener Zeit, wo die gnädige Frau noch einfach Christinchen Erdmann, das hübsche, kluge, lebhafte Töchterchen des Bergmeisters Erdmann zu Clausthal, und ich der eben von der Bergakademie Freiberg heimgekehrte Bergeleve Emil von Schmidt war.