Von dem Grabe der Base weg machten wir der jungen Frau Gertrude von Wittum und ihrem Gemahl einen Besuch. Wir trafen das reizende Weibchen vor ihrem Pianoforte, an welchem sie eine in der Tat allerliebste Miene zu einem außergewöhnlich bösen Spiel machte. Den Vetter Vollrad störten wir aus einem etwas unerquicklichen Vormittagsschlafe vom Diwane auf. — Das junge Paar empfing uns in der herzlichsten, und, nachdem es sich ein wenig gesammelt hatte, auch heitersten, ja fröhlichsten Weise. Wir wurden gebeten, zu Mittage zu bleiben, aber Herr Autor Kunemund hatte bereits meiner Frau die Ehre zugesagt und hielt Wort. —

Signor Ceretto stand während der Mahlzeit hinter dem Stuhle des Meisters und sorgte in einer so diabolischen Art und Weise für die Bedürfnisse des Greises, daß ich es endlich nicht mehr aushielt und den schwarzen Schlingel wieder einmal zur Tür hinausjagte. Überhaupt gab mein Hauswesen mir bei dieser Gelegenheit mehrfache Gründe, mich zu ärgern; obgleich, alles in allem genommen, Christine sich besser in den Alten und alle seine Eigentümlichkeiten hineinfand, als ich zu Anfang vermuten konnte. Bei der Suppe saß sie ihm noch recht steif und frostig gegenüber; aber beim Braten schon kam sie behaglich auf die gute Zeit zu sprechen, während welcher der Förster Arend Tofote bei seinem schönen Kinde wohnte. Beim Nachtisch überlief es mich wieder heiß und kalt; denn nunmehr fing sie ganz leise und zärtlich an, unsern Gast auszuholen, weshalb er damals zuerst das harmlose Beisammensein gestört habe und bei Nacht und Nebel den »Freunden« durchgegangen sei? Was sie wahrscheinlich nicht erwartet hatte, trat ein: der Meister sagte ihr ganz unbekümmert seine Gründe und wurde somit in harmlosester, naivster Weise ganz fürchterlich grob und ärgerlich.

Aber Christine faßte sich nach der Überwindung der ersten Verblüffung mit bestem Humor.

»Es ist doch schade,« sagte sie, »wir hätten uns früher kennen lernen sollen und dann genauer!« — —

Nun sind wieder zwei Jahre hingegangen. Heute wohnen Vollrad und Gertrud »der Billigkeit,« »der Schönheit der Gegend und der angenehmen Lebensweise« wegen in Freiburg im Breisgau. Ich habe den höchsten Wunsch meiner Frau erfüllt und bin mit ihr nach Berlin übergesiedelt. Ceretto haben wir als eine Art von gutem Genius mit uns dahin genommen. Was dieser schwarze Sündenbock uns in unserer Ehe wert ist, läßt sich weder wiegen noch messen; wir werfen ihn wie einen Federball zwischen uns hin und her, und er läßt es sich mit der besten Laune gefallen. Mir imponiert dieser kuriose Philosoph viel zu sehr, als daß ich es je einmal dahin gebracht hätte, ihn als meinen Bedienten ansehen zu können. — —

Vor vier Wochen sprach ich noch einmal bei Herrn Autor Kunemund vor. Er sah nie sehr gut und weit in seinem Leben, aber jetzt sah er fast gar nicht mehr. Die Alte lebte noch; aber sein alter Dachshund hatte ihm Valet gesagt, und —

»wie ich den Arend kenne, so wäre der imstande gewesen, mir auch diesen guten Freund auszustopfen und in einem Glaskasten hinzustellen. Damit ist es nun freilich nichts,« sagte der Meister auf seiner Schnitzbank nachdenklich den Kopf schüttelnd.

Er saß noch immer gern auf seiner Schnitzbank; doch das gute, künstliche Messer leistete kaum noch etwas in seiner Hand. Das Dorf aber handelte brav an seinem greisen, ins Nest zurückgekehrten Kuckuck; Langeweile konnte der Meister nicht haben, denn der Besuch von jung und alt riß nicht ab, auch nicht während meines Aufenthaltes bei ihm.

Um Mittag brachte er mich auf den Feldweg zur nächsten Station, und unter einer Eichengruppe nahmen wir Abschied voneinander, wahrscheinlich für immer. Er war alt, und der Weg zu ihm mit einigen Unbequemlichkeiten verknüpft. Wie oft auch noch während seiner übrigen Lebenszeit ich von dem Bahnzuge aus sein Dorf in der Ferne daliegen sehen mochte: es stand dahin, ob ich noch einmal einen Lebenstag auf einen Besuch bei ihm verwenden würde.

Zum Schlusse machte der Alte selber eine dahin bezügliche Bemerkung.