Sie entschuldigten gern und warteten und machten noch einige Bemerkungen über die Jahreszeit und die Witterung. Nachdem aber die Schwester zurückgekommen war, erzählte der Bruder wirklich seine Geschichte — eine kuriose Geschichte!

Viertes Kapitel.

»Liebe, gute, treue Freunde und Nachbarn,« begann der Mann, der nach der Meinung des Försters Ulebeule es zu etwas im Leben gebracht, d. h. etwas vor sich gebracht hatte im Dorfe, »ich habe, ehe ihr kamet, von der alten Zeit verlockt, schon zweimal meinen Archivkasten da in der Offizin geöffnet und habe den Staub von der Vergangenheit geblasen; jetzt werde ich wohl noch ein Dokument daraus hervorholen müssen. Trotz aller wunderlichen Geheimnisse liegt mein Geschick vollständig klar auf dem Papiere da; nicht etwa daß ich ein Tagebuch oder dergleichen geführt hätte, sondern in wirklichen authentischen Schriftstücken, die ich euch dann auch nachher zu eigener Begutachtung in die Hände geben werde.

»Mein Vater hatte mir einige Tausend Thaler hinterlassen; aber mein Vormund, ein gutmütiger, wohlmeinender, doch höchst zerfahrener und leichtsinniger Mann, hatte wenig auf dieselben Achtung gegeben. Als ich das Geld gebrauchen konnte, war es bis auf ein Minimum verschwunden, und der Vormund legte mir schluchzend das Bekenntnis ab: er wisse am allerwenigsten, wo es geblieben sei. Übrigens fügte er zu meinem Troste hinzu: mit seinem eigenen Vermögen sei es ihm gerade so ergangen. Er war ein ältlicher Herr mit drei unverheirateten ältlichen Töchtern, und alle waren meine besten Freunde; — was blieb mir also übrig, als mit ihnen zu weinen und so auch meinerseits das trockene Faktum in gegenseitiger Liebe und Zuneigung feucht zu erhalten. Die drei guten Mädchen sorgten für meine Wäsche und sonstige Ausstattung, packten mir meinen Koffer, und so zog ich nach abgethaner Lehrzeit als voraussichtlich ewiges Subjekt ins Laborantentum hinein und trieb mich fünf oder sechs Jahre lang so umher durch Süß und Sauer, von einer Epidemie in die andere, von einem nächtlichen Aufgeklingeltwerden zum andern, von einer Doktorpfote zur andern, bis ich nach * * * kam, wo ich meine Johanne kennen lernte. Da, Freund Ulebeule, habe ich wirklich etwas vor mich gebracht, nämlich die einzigen guten, glücklichen Tage meines Lebens!«

»Gratuliere auch dazu,« brummte der Förster.

»Ja, in die glückliche Zeit meines Daseins war ich hineingeraten, und es stimmte alles zusammen — ein ganzes Jahr lang!

»Ich hatte es in jeder Beziehung gut. Mein damaliger Prinzipal war ein drolliger alter Kauz, über den ich etwas mehr sagen muß; denn er verdient das, meinet- wie seinethalben in jeder Beziehung. Er war Apotheker mit Liebe; aber mit einem gewissen Wahnsinn ein Enthusiast für die hohe Wissenschaft Botanik, und er war in der That ein bedeutender Pflanzenkundiger. So lange es anging, hatte er seine Provisoren und Gehilfen die Offizin versorgen lassen und war selber in Wald und Feld seinem Lieblingsstudium nachgegangen. Als ich aber in sein Haus eintrat, hatte sich das eben geändert. Er war über sechzig Jahre alt, seine Augen waren allmählich schwach geworden, sein Rücken steif; und wenn er sich zwischen Berg und Thal nach einem Gewächs bückte, so kam er nur mit Stöhnen und einem verdrießlichen Griff nach dem Kreuz wieder in die Höhe. Ich kam, und er stellte ein botanisches Examen mit mir an, das an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließ, gottlob aber ziemlich gut ausfiel, und von dem all' mein späteres Wohlsein in seinem Hause den Ausgang nahm. Nach dem Examen überreichte er mir als Zeichen seiner Zufriedenheit ein Exemplar von Stöver's Leben des Ritters Karl von Linné und hielt mir eine Rede über die Märtyrer unserer ›Göttin‹, und empfahl mir vorzüglich zur Nachahmung das größte botanische Genie des sechzehnten Jahrhunderts, den Meister Charles de l'Ecluse, — Carolus Clusius aus Arras in den Niederlanden, der im Dienste der Wissenschaft im vierundzwanzigsten Jahre die Wassersucht bekam, im neununddreißigsten Jahre in Spanien mit dem Pferde stürzte und den Arm brach und gleich nach der Heilung den rechten Schenkel; — der im fünfundfünfzigsten Jahre in Wien den linken Fuß brach und acht Jahre später sich die rechte Hüfte verrenkte, — der fortan an Krücken gehen mußte, einen Bruch und Steinschmerzen bekam und doch das wundervolle Buch: Variarum plantarum historia schrieb und für alle kommende Zeiten wie ein glorreich helles Licht aus dem dunklen Jahrhundert, in welchem er lebte und wirkte, herüberleuchtete. Darauf schickte er mich in re herbaria auf die Jagd und blieb selber seufzend zu Hause, versorgte die Praxis und durchblätterte seine Kräuterbücher, die wirklich merkwürdig in ihrer Art waren und nach seinem Tode sicherlich auf den Mist geworfen sind. Zu jeder Jahreszeit fast hatte ich für ihn das Land abzulaufen, denn er war auch in der Kenntnis der Moose bedeutend, und in den Monaten, wo die übrige Flora in ihrer Pracht steht, ging ich fast täglich meilenweit ins Land oder in die Berge, um irgend eine einzige Pflanze zu suchen, auf deren Besitz und Studium er augenblicklich sein Herz gewendet hatte. — Das war eine schöne Zeit! das waren Tage, wie ich sie seit Jahren nicht in so ununterbrochen glücklicher Folge durchlebt hatte, und da ich, wie gesagt, auch bald den Namen und das Bild meiner Braut mit mir auf die Höhen und sonnigen Halden und in die schattigen Thäler nehmen konnte, so ist denn weiter nichts mit dem Scheine zu vergleichen, wie er mir damals über der Erde und in der Seele lag. Daß ich Rad durch den Sonnenglanz auf den Bergen geschlagen hätte, will ich aber nicht gesagt haben. Im Gegenteil! in die Lust am Leben machte sich immer ein bänglicher Zug. Kam ich aus meinen Wäldern zurück in die kleine, winklige Stadt, wieder hinein in das Gewirr und zänkische Durcheinander selbst dieser wenigen Menschen, so wurde mir oft sogar sehr bänglich zu Mute.«

»Das geht allen Leuten so, die ihr Geschäft viel im Freien aufhält, mir auch!« sagte der Förster Ulebeule.

»Aber noch lange,« fuhr der Erzähler, ohne auf die Unterbrechung weiter zu achten, fort, »noch lange war und blieb im Freien alles für mich Gegenwart, und erst nach und nach wurde drinnen im Städtchen alles Zukunft, sorgenvolle, angstvolle, nebelige Zukunft:

»Was soll denn eigentlich zuletzt aus dir und deinem Mädchen werden?