»Ich habe es schon gesagt, daß die richtige Schwerblütigkeit mich erst im zweiten Jahre meines dortigen Aufenthalts übermannte. Im Anfange blieben die trüben sorglosen Gedanken bei jedem Ausmarsche innerhalb der alten Mauern der Stadt eingeschlossen zurück; erst nach und nach begleiteten sie mich über das Weichbild hinaus und folgten mir weiter und weiter, bis im dritten Frühlinge der dunkle Finger mir überall auf meinen Wegen drohte und der Prinzipal die Bemerkung machte, daß ich anfange, bedeutend abzumagern, und mich wohlmeinend und besorgt an verschiedene nerven- und magenstärkende Droguen unserer Materialkammer verwies.
»Ach, kein Arzneistoff konnte mir wieder zu vollerer Leibesrundung verhelfen! Zwischen Hypochondrie und gutem Lebensmut hin- und hergeworfen, schweifte ich umher, bis ich den Mann fand, der mir half!
»Meine Herren und lieben Freunde, in eben diesem Sommer machte ich eine Bekanntschaft, eine seltsame, geheimnisvolle und, wie Johanne sagte, eigentlich unheimliche Bekanntschaft. Ihr habe ich es zu danken, daß ich heute der Besitzer dieser Apotheke ›zum wilden Mann‹ bin, und sie ist bis heute, — ja bis heute, und also länger als dreißig Jahre das ungelöste Rätsel, das Mysterium in meinem Leben geblieben —«
»Erzählen Sie, o erzählen Sie!« rief der Pastor atemlos, den Erzähler in der besten raschesten Mitteilung seines Berichtes aus übergroßer Spannung unterbrechend, und Herr Philipp Kristeller benutzte die Gelegenheit, um Atem zu schöpfen, ehe er fortfuhr.
Es schien ihm aber wirklich daran gelegen zu sein, das Geheimnis seines Lebens von der Seele los zu werden, und so fuhr er fort:
»Ich fand einfach einen Weggenossen und so zu sagen Kollegen auf meinen Gängen, einen jungen wohlgekleideten Mann, der sich gleichfalls mit der Botanik beschäftigte, nur um ein Weniges jünger als ich zu sein schien und sich als ein Naturfreund und Pflanzenkenner auswies, der selbst meinen Prinzipal im verständnisvollen Eindringen in unsere hinreißende Wissenschaft übertraf. Aus der Gegend war er nicht, seinen Namen haben wir nie recht erfahren; wir nannten ihn Herr August und später auch einfach August. Sein Familienname war das aber jedenfalls nicht.
»Der Zufall stieß uns an einem heißen Julinachmittage auf einer abgeholzten, glühenden Berglehne unter den manneshohen Fingerhutbüschen zwischen dem Gewirr der Granitblöcke die Köpfe zusammen und ließ uns sofort höflich das Handwerk grüßen. Zuerst begrüßten wir jedoch natürlich höflich uns selber und betrachteten einander. Was der Fremde an mir sah, weiß ich nicht; mir steht er heute noch so klar und deutlich wie damals vor den Augen. Es war ein junger Mann, wie gesagt, ungefähr von meinem Alter, hochgewachsen, wohlgebaut, von schwarzem Haar und mit einem ernsthaften, energischen Gesicht von etwas gelbweißer, jedoch keineswegs krankhafter Farbe. Den Kopf trug er ein wenig gesenkt, und seine Stimme war wohllautend, er gebrauchte sie aber nur zu selten. Während unseres ganzen Verkehrs überließ er es mir vollständig allein, die Unterhaltung zu führen; und wie ihr wißt, liebe Nachbarn, bin ich stets für einen lebhaften mündlichen Verkehr gewesen — vielleicht oft nur zu sehr.«
An dieser Stelle hatte die Schwester etwas zu sagen, und etwas unmutig rief sie:
»Bester Bruder, sie reden im Dorfe doch schon dumm genug von dir!«
Der geistliche Herr lächelte; aber der Förster lachte laut und rief: