»Um neun Uhr morgens zog ich mit meinem Auftrage, das Frühstück in der Tasche, die Botanisierbüchse auf dem Rücken, vom Hause, das beiläufig das Zeichen ›Zum König David‹ führte, ab; bei stiller Luft und dichtem Nebel und diesmal im höchsten Grade geknickt und gebrochen. Ich hatte Grund dazu, melancholisch auch in die schönste Witterung hineinzusehen! Am Abend vorher hatte Johanne's Onkel mich bitten lassen, ihn doch einmal auf ein Viertelstündchen zu besuchen, und ich hatte ihn besucht, und er hatte mich zwei Stunden lang unterhalten. Zwei Stunden lang hatte er mir eindringlich zugeredet, endlich doch ein Einsehen zu haben und mir meine Lebensaussichten einmal recht klar zu machen und seine Nichte — nicht unglücklich! Kurz gesagt, er hatte mich aufgefordert, meiner Braut ihr Wort zurückzugeben, und dafür seiner — des Onkels — ewigen Freundschaft und Zuneigung gewiß zu werden. Und der Mann hatte in allem, was er sagte, Recht gehabt, und er hatte nicht nur verständig, sondern auch gutmütig gesprochen. Ohne die geringste Leidenschaft und Zornmütigkeit hatte er mir seine und der Welt Meinung vorgetragen: er hatte nichts gegen mich einzuwenden — ich war ihm sogar sehr lieb und wert, — und doch! Ich war eben nach Hause gegangen oder vielmehr getaumelt und hatte die Nacht über auf dem Stuhle vor meinem Bette gesessen und die Stirn mit beiden Händen gehalten — durch dieses verständige Zureden unfähig zu allem und jedem Überlegen und vernünftigem Überdenken: daß Johanne, meine arme, liebe Johanne, diese selbige Nacht durchweint habe, wußte ich dazu. Betäubt verstand ich den Prinzipal, der ebenfalls an Schlaflosigkeit litt, kaum, als er schon um fünf Uhr mit dem Nachtlichte in der Hand an meine Thür kam, um mir seinen neuen Herzenswunsch mitzuteilen und mir seinen Auftrag für den Tag zu geben. Verdrießlich ging er, nachdem ich ihn endlich begriffen hatte, seinen verbundenen Kopf schüttelnd, und ich hörte ihn noch auf der Schwelle deutlich genug murren:

»›Auch der wird mir wieder mal unter den Händen zum Narren!‹

»›Schreiben Sie dem Mädchen einen braven, ehrlichen, freundlichen Brief, in welchem Sie das Nötige mit etwas Poesie meinetwegen sagen. Ich will ihn abgeben und das Meinige, ohne Poesie natürlich, beimerken — und dann lassen Sie dem Jammer und meinetwegen auch sich selber in Ihrem Elend alle Zeit — es wird schon alles recht werden,‹ hatte mir der Onkel vorigen Abend zum Beschlusse seiner schönen Rede geraten, — und dabei sollte man denn nicht zum Narren werden!! — Das blühende Moos drei Meilen ab vom ›König David‹, dem Hause des Herrn Onkels und meiner Braut, war unter diesen Umständen in Wahrheit der einzige Trost, der mir in der Welt wuchs. Ein Tag wurde wenigstens durch den Weg und das Aufsuchen für mich und mein armes Kind gewonnen, und wie sich der Mensch in seinen Nöten an den einen Tag, die eine Stunde, die eine Minute klammert, wer hätte das nicht schon in irgend einer Weise erfahren?

»Ich schlich selbstverständlich unter Johanne's Fenster vorbei. Mein Mädchen erblickte ich nicht; aber den Onkel sah ich. Er stand mit der Pfeife hinter den Scheiben und schien nach dem Thermometer zu sehen; seine eigene Temperatur hatte sich seit gestern Abend nicht verändert, denn er zog höflichst die Nachtmütze ab und erhob dabei den Zeigefinger. Der Gestus konnte nichts anderes bedeuten als: Vergessen Sie nicht, mein Bester, was ich Ihnen gesagt habe; ich bestehe darauf und weiß, was uns allen gut ist; — ich bin ein alter erfahrener Kerl und kenne die Welt ein wenig genauer als ihr guten, jungen, leichtsinnigen, unerfahrenen Leute — Auch ich grüßte so höflich und submiß, wie ich noch nie einen Menschen gegrüßt hatte, und schleppte mich seufzend matt weiter durch den grauen Dunst des Herbstmorgens.

»›O wie voll Dornen ist diese Werkeltagswelt‹, läßt der englische Poet Shakespeare eine seiner erdichteten Personen in einem seiner Stücke sagen. Ich habe diesen Poeten immer gern gelesen und besitze eine Übersetzung von ihm und habe mir vieles darin unterstrichen. Das Wort von den Dornen und der Alltagswelt fiel mir diesmal auf die Seele, und ich wiederholte es mir fort und fort bis auf die Berge hinauf. Freilich war mir jetzo die Welt nach allen vier Himmelsgegenden durch das dichteste Dornengestrüpp verwachsen, und daß es eine erbärmliche und in ihrer Gewöhnlichkeit thränenreiche Werkeltagswelt war, das konnten mir der Boden unter den Füßen und das Luftgewölbe über mir bezeugen.

»Der Nebel blieb wohl hinter mir in den Thälern zurück; aber in meiner Brust nahm ich die Trübe auf die sonnigsten Gipfel mit empor. Ich schritt rasch zu und tauchte mehrmals das Taschentuch in einen kalten Waldbach, um es mir dann auf die heiße übernächtige Stirn und die fiebernden Schläfen zu drücken. Um sah ich mich nicht, und es ist ein Irrtum oder gar eine Lüge, wenn man behaupten will, daß einem unglücklichen oder von Not und Sorge bedrängten Menschen eine schöne Gegend und herrliche erhabene Aussicht zum Heil und zur Genesung gereiche. Es ist einfach nicht wahr!

»Im Gegenteil, nichts ist schlimmer für einen Kummervollen, Schmerzbeladenen als eine weite sonnenklare, in allen süßen Farben der Erde leuchtende Fernsicht, hoch von einer Bergspitze aus. Es ist arg und eigentlich furchtbar, aber es ist so: den Sturm, den Regen läßt man sich in der bösen Stimmung gefallen; aber die Schönheit der Natur nimmt man als einen Hohn, als eine Beleidigung und fängt an, alle sieben Schöpfungstage zu hassen.«

Der Pastor schüttelte hier bedenklich den Kopf; Fräulein Dorette Kristeller nickte zwar, aber sah doch auch ziemlich bedenklich und trübe drein; der Förster Ulebeule jedoch klopfte mit der Pfeife auf den Tisch und rief:

»Wahrhaftig, es ist etwas dran! Es ist bei mehrerem Nachdenken sogar ziemlich viel dran. Jeder Kümmerer — will sagen jedes durch einen alten Schuß oder durch Krankheit sieche Stück Hochwild will auch von der Pracht der Schöpfung, an der es in gesunden Tagen sein Wohlsein und seine Freude hat, nichts mehr wissen. Und wer viel Umgang mit den Tieren gehabt hat, der weiß, wie wenig der Unterschied zwischen ihnen und dem Menschen zu bedeuten hat in allen Dingen, die mit Erde, Wasser, Licht und Luft zusammenhängen. Ihr waret damals ein richtiger Kümmerer, Kristeller. Der Onkel hatte Euch nicht übel angeschossen, und manch einen in Eurer Lage hat das Schicksal bald darauf als tot verbellt.«

»Nun lasset uns weiter hören!« rief der geistliche Herr, und sie hörten weiter.