»Was mir selten in der mir so bekannten Gegend passiert war, hatte ich heute zu erleben; ich verlor mehrmals meinen Weg und fand ihn stets nur mit Mühe wieder. Die Lebensverwirrung und schlimme Ratlosigkeit war außer mir wie in mir; aber mein Pfad ging doch immer aufwärts und einen Kompaß führte ich am Uhrgehäuse glücklicherweise auch mit mir. So wand ich mich durch den Buchenwald und dann hinein in die Tannenwälder, an steilen Lehnen, von denen die wunderlichen Granitblöcke der Urzeit in wahrhaft gespenstischen Formationen herabgerollt waren, schräg in die Höhe. Dann ging es über kahle, gleichfalls mit wildem, phantastisch übereinander gestürztem Felsgetrümmer bedeckte Hochebenen — aus dem Nebel in das Sonnenlicht. Die Sonne schien um Mittag herbsthell, und ich holte Atem, auf meinen Weg und die durchwanderten Thäler zurückblickend. In den Thälern hielt sich der Nebel den ganzen Tag über, und als ich nach einer Ruhestunde weiterging, schlich er mir leise wieder nach und holte mich am Nachmittag, als ich den berühmten Platz, zu dem mein Prinzipal mich diesmal hingesendet hatte, zu Gesichte bekam, richtig wieder ein; aber freilich nicht mehr als der dichte Qualm der Tiefe, sondern als ein leichter, alles in ein Zaubertuch einwickelnder Dunst. Bei einer Wendung des Weges lag die unbeschreiblich grotesk zerklüftete Steinmasse — der Blutstuhl, vor mir da. Aus dem Tannendickicht vortretend, erblickte ich seine höchste Platte sechzig bis achtzig Fuß über mir; und langsam und ermüdet stieg ich nun noch über den mit kurzem Gras bewachsenen Boden, um im Schutze der untersten Blöcke Kräfte zu sammeln für das Suchen und Finden meiner seltenen Lichen-Art.

»Ihr, Ulebeule, kennt den Blutstuhl. Es ist ein Labyrinth von Steinklötzen, das einen ziemlich bedeutenden Raum auf der Bergebene einnimmt. Viele der Gruppen führen wunderliche sagenhafte Namen, die höchste ist auf ausgewaschenen Treppenstufen zu erklimmen, und von ihr hat das ganze Geblöck seinen Namen, und in ältester heidnischer Urzeit unseres Volkes hat es denselben als Opferstelle vielleicht mit vollem Recht geführt.

»Ich verzehrte vor allen Dingen trotz meiner trüben Seelenstimmung den mitgebrachten Proviant nicht ohne Appetit; dann begab ich mich an die Lösung meiner Aufgabe, die gar nicht so leicht war. Das winzige, kriechende Ding, das mein Alter in einem frischen Exemplare zu besitzen wünschte, wuchs keineswegs in jeder Spalte des Blutstuhles. Und mit den Erlebnissen des letzten Abends, den Bildern der schlaflosen Nacht und dem Onkel mit der Zipfelmütze am Morgen vor den schwimmenden Augen ließ sich auch schlecht suchen.

»So kroch und kletterte ich zwischen dem Gestein umher: eine Flechte fand ich nicht; aber ich fand etwas anderes, nämlich ein Vermögen!«

»Ah!« sagte die Zuhörerschaft in dem Hinterstübchen der Apotheke »zum wilden Mann«.

»Mühselig in meiner vergeblichen Bemühung hatte ich mich so ziemlich bis an die Basis der oberwähnten abgeplatteten Gipfelfelsmasse, der eigentlichen Opferklippe, emporgearbeitet, als plötzlich ein Mensch, wie es schien im hastigen Aufklimmen von der entgegengesetzten Seite her auf der Platte erschien und einen Schrei ausstieß, der mich erschreckt zurückfahren ließ. Die Gestalt, vom Dunst wie alles umher leicht verschleiert, warf die Arme empor, griff mit beiden Händen in die Haare und fiel mit einem neuen Aufschrei erst in die Kniee und dann ganz zu Boden. Ich stand und hielt mich zitternd an dem nächsten Granitblocke, und es dauerte einige Zeit, ehe ich mich so weit gefaßt hatte, um mir die Frage vorzulegen: Was ist das?

»Ja, was war das? was konnte das sein? Ein Betrunkener? Ein Wahnsinniger? Ein Epileptiker? Ein lebensmüder Unglücklicher, der sich diesen Ort ausgesucht hatte, um gerade jetzt daselbst zu Ende zu kommen mit sich? Alle diese Vorstellungen schossen mir nun blitzschnell nacheinander durchs Gehirn; aber von der Höhe der Opferklippe kam keine Antwort auf meine Frage.

»Und es ist deine Pflicht nachzusehen, was und wer es ist! rief es in mir. Mit zusammengekniffenen Lippen, fest aufeinander gesetzten Zähnen faßte ich Mut, packte meinen Wanderstock fester, um im Notfall auch auf einen Angriff gerüstet zu sein, und stieg langsam und vorsichtig die Steinstufen hinauf, die auf die heilige Opferstelle unserer Vorfahren führten. Scheu und behutsam hob ich das Kinn auf die Platte; da lag er! — Langausgestreckt, bewegungslos, das Gesicht auf den Stein gedrückt, lag der Unglückliche da, und rasch sprang ich meinerseits nun hinauf, trat zu ihm, faßte ihn an der Schulter, sprach ihm zu, und nach einer Weile erhob er auch das Gesicht und stierte mich an.

»Jetzt schrie ich fast, wie er vorher. Es war mein Kamerad, mein geheimnisvoller Freund, mein botanischer Wissenschaftsgenosse, und zwar mit Zügen so verstört, so von Schmerz, Angst und Zorn verwüstet, daß ich es euch wahrlich nicht, wie es war, schildern kann.

»Langsam, wirklich wie aus einem epileptischen Zustande sich erhebend, stand er auf, sah mich blind und meinungslos an, bis ihm nach und nach das Bewußtsein von Ort, Zeit und Zustand zurückkam.