»›Philipp‹! sagte er tonlos.

»›O August‹! rief ich.

»›Seid Ihr es, der mich hier gefunden hat?‹

»›O und Ihr — was habt Ihr? was ist Euch geschehen? Ich möchte Euch so gern helfen.‹

»›Und könnt es ganz und gar nicht. Es wäre besser, Ihr ginget und ließet mich hier, wie Ihr mich fandet. Ich bin für keines Menschen Gesellschaft mehr tauglich.‹

»Er sprach dieses alles so vernünftig, so gesetzt und ruhig, daß seine Verstörung mir dadurch nur noch herzzerreißender in die Seele drang. Ich wollte seine Hand fassen, doch er zog sie schnell und wie ergrimmt zurück und schrie:

»›Nein, nein! das ist zu Ende, Herr — Herr Kristeller. Ich habe heute mit dieser Hand mein Schicksal besiegelt und werde sie niemandem mehr als Zeichen der Freundschaft, der Zuneigung, der Liebe geben. Haltet mich nicht für einen Narren — o ich wollte, ich wäre es; aber ich bin es nicht! Seit drei Tagen wäre es mir eine Wohlthat, wenn die letzte Faser, die den Geist noch an eure Welt — eure Alltagswelt bindet, abrisse, und wenn man mich fände, wie man sonst wohl schon arme irre, verlorene Menschen in der Wildnis gefunden hat. Kein anderes Gesicht wäre mir heute so lieb gewesen als das deinige, Philipp; aber meine Hand gebe ich dir doch nicht. Sieh da rund herum, sieh, wie die Städte und Dörfer ausgestreut sind; — sieh, alle diese hunderttausend Menschenwohnungen sind mir von jetzt an verschlossen: ich habe keinen Verkehr mit euch mehr, ich bin allein; es giebt keinen anderen Menschen mehr auf Erden, der so allein ist wie ich!‹

»›Aber ich bin da! mich hat das Schicksal gerade zu dieser Stunde zu dir geführt, um bei dir zu bleiben! Meine Braut, mein Mädchen habe ich verloren, oder sie soll mir doch genommen werden. Mir ja auch verschließt sich die Welt. Laß uns einander zum Rat und Trost sein!‹

»Nun war es, als ringe er in der Tiefe seiner Seele mit einem gewaltig starken Gegner, und dann war es, als ob er dem Feinde obgesiegt habe, und dann war es, als stehe er triumphierend mit dem Fuße auf der Brust des Niedergeworfenen. Er knirschte mit den Zähnen und rieb sich die rechte Hand, als sei sie feucht und er müsse sie trocknen. Zuletzt sah er mich scharf und kalt an und sagte leise:

»›Lieber Herr, Sie können mir doch von keinem Nutzen sein. Ich bitte Sie, sich keine Mühe zu geben. Sehen Sie, Kristeller, ich habe nie in meinem Leben anders gesprochen, als meine Meinung war. Auch ist heute Methode in meinem Wahnsinn gewesen; ich habe mich nicht ohne eine gewisse Absichtlichkeit auf diesem kalten und harten Steine niedergeworfen. Mein Herzblut ist durch diese Rinne niedergelaufen, wie einst das Blut der fränkischen Gefangenen aus dem Heerbann des Kaisers Karl durch dieselbe niederrieselte. Übrigens bin ich allein und will allein sein. Gehen Sie, bester Herr, ich verstehe Ihre Gefühle, Ihre gute Gesinnung gegen mich vollkommen, und wir wollen auch sicherlich einander treu im Gedächtnis behalten, — leben Sie wohl, Philipp Kristeller.‹