Der Pastor legte den Brief stumm auf den Tisch, Ulebeule schlug auf den Tisch, daß sämtliches Gerät emporhüpfte und die Gläser scharf und bedrohlich zusammenklirrten:
»Donnerhallo! Na, das muß ich sagen! na, da bitte ich zu grüßen!«
»Und Ihr habt, selbst mit diesem Schreiben in der Hand, damals nicht gemeint, dieses alles zu träumen, alter Freund?« fragte der Pastor.
»Tagelang, wochenlang bin ich wie ein Träumender umhergegangen, nicht nur mit dem Briefe, sondern auch mit dem Gelde in der Hand. Und es waren die nüchternsten Staatspapiere und Landesschuldverschreibungen von verschiedener Herren Ländern! Sie verwandelten sich nicht über Nacht in gelbe Klettenblätter, — sie gingen mir nicht vor der Nase in gespenstischem Dampfe auf; — sie waren echt und hatten ihren Kurs, und die Banquiers waren gern erbötig, mir sie umzutauschen oder umzuwechseln! Ich aber trug sie nebst dem Briefe zu meiner Braut und fragte die, wie ich mich gegen dieses alles zu verhalten habe — den guten Onkel ging ich fürs erste noch nicht um seinen guten Rat an.
»Auch Johanne hatte natürlich zuerst eine Art von Schrecken zu überwinden; dann aber sagte sie mir verständig und ruhig ihre Meinung, und ich bin derselben gefolgt.
»›Dein Freund hat mir leid gethan und ein Bangen erregt durch sein Wesen; aber nie ein Grauen, als ob er ein schlechter, ein böser Mensch sei. Ich habe ein großes Mitleiden mit ihm gehabt und hätte ihm gern helfen mögen in seinem Unglück. Aber sieh, Philipp, er hat mir auch immer den Eindruck gemacht, als ob er stets genau überlege und wisse, was er sage und thue. Er hat in seiner Melancholie einen klugen klaren Kopf; und was uns jetzt so wunderlich scheint und aller Welt als eine Verrücktheit vorkommen würde, das hat er auch bedacht und sich zurecht gelegt, und er wird sicher das Beste für sich gefunden haben. Ich glaube, du darfst das Geld nehmen und es versuchen, dein Glück darauf zu bauen. Wir wollen es verwalten wie ein Darlehn, Philipp; wir wollen dem Geber täglich seinen Stuhl an unseren Tisch setzen, wir wollen stets den besten Platz für ihn frei halten; wir wollen ihn von einem Tage zum anderen erwarten, und — dem Onkel wollen wir von einer Erbschaft sprechen, und du kannst das nur gleich thun; ich nehme die Verantwortung für die kleine Notlüge gern auf mein Gewissen.‹
»Seht, Nachbarn, das ist denn der Grund, weshalb der Sessel da stets leer steht, weshalb immer ein Platz an meinem Tische offen gehalten worden ist, diese ganzen letzten einunddreißig Jahre durch; der Freund ist aber bis heute nicht zurückgekehrt! Mein Leben von meiner Ankunft unter euch kennt ihr; — ihr wißt, wie ich diese bereits zweimal in Gant geratene Offizin übernahm, und wie es mir in schwerer Arbeit glückte, den Platz zu behaupten, der meinen Vorgängern so gefährlich geworden war! Ihr wißt aber auch —«
»Welch einen großen Schmerz du zu erdulden hattest, Bruder?« rief die alte Schwester leidenschaftlich erregt. »Nein, nein, sie haben wohl davon gehört; aber das rechte Wissen haben sie doch nicht davon.«
»Es war sehr traurig, Fräulein Kristeller,« sprach der Pastor, und Ulebeule seufzte schwer und murmelte:
»Ja, ja; aber Ihr seid nicht der Erste, Philipp, dem solcherart das Glas vor dem Munde weggeschlagen wird.«