»Ich würde dir im Laufe der Zeit meine Umstände wohl klarer erschlossen haben, Philipp, ich würde dir alles von mir und meinem Leben erzählt haben; aber dein Liebeswesen hat mich dran gehindert und mir den Mund zugehalten. Lieber Junge, wenn mir etwas die Welt noch mehr verleidete, so war das deine Braut. Bei Gott, ich habe euch oft gehaßt wegen eurer Seligkeit, — o Philipp Kristeller, in mehr als einer Stunde hätte ich euch mit Vergnügen eine Fallgrube für eure Zärtlichkeit graben können. Wäre das Eifersucht gewesen, so wär's schlimm genug gewesen; aber es war noch schlimmer, es war Neid, der nichtswürdige zähnknirschende Neid. Ach, Freund, Freund, damals hatte ich wahrhaftig nicht die Absicht, dir im Leben auf die Beine und, so weit ich es konnte, zu einer Frau zu helfen! Mußte da erst das Ärgste kommen, um mir den Sinn vollständig zu wenden, und das Ärgste kam; — gottlob, sage ich heute! — Von einer meiner vorgeblichen botanischen Rasereien ins Wilde zurückkehrend, fand ich einen Brief zu Hause, ein Schreiben mit dem Siegel der Oberstaatsanwaltschaft drauf. Ich wurde durch dieses Reskript umgehend nach der nächsten Kreisstadt beordert, und was die hohe Behörde da von mir verlangte und zu verlangen berechtigt war, das können die Herren und die gütige Senhora sich sicher selber vorstellen; ich habe gewiß nicht nötig, mit dem Finger die Richtung anzudeuten. Man legte mir ein vom Landesherrn bereits unterzeichnetes Todesurteil vor, und ich hatte noch drei Wochen Zeit, mich und meinen Patienten auf die mir obliegende Operation vorzubereiten. Während dieser drei Wochen sahest du mich nicht, Philipp Kristeller; aber du fandest mich drei Tage nach vollbrachtem Amtsgeschäft auf der Opferklippe. Ja, ja, meine Herren, nach gethaner Arbeit ist gut ruhen, und auch das war ein Erholungsausflug! — Ich hatte meine Sache gut gemacht und war gelobt worden, von den Behörden, den Zeitungen und dem zuschauenden Pöbel; aber ich trug schwer an der Ehre. Buchstäblich, — ich trug meinen still und um einen Kopf kürzer gemachten Patienten, minus diesen Kopf auf dem Rücken, und ich hatte ihn eben auf den Blutstuhl hinaufgeschleppt, als mein Freund Philipp die Klippe von der anderen Seite her erkletterte. Seht, es ist immer von den Gefühlen des armen Sünders auf dem Hochgerichte die Rede; aber diesmal waren auch die des Scharfrichters bemerkenswerth; — reden wir nicht davon: ich trug, wie gesagt, den Rumpf des armen Teufels von dem Gerüste hinunter; er hing mir auf dem Rücken, die Hände schleiften auf dem Boden nach, und ich hielt auf jeder Schulter einen Fuß im blauen wollenen Strumpfe gepackt! So hab' ich ihn auf den Blutstuhl hinaufgeschleift; und als du mich fandest, Philipp Kristeller, auf dem Felsen liegend, das Gesicht zu Boden gedrückt, da saß der Halunke auf mir, kopflos — hatte mir eine Kralle in das Nackenhaar gewühlt und sang sein diabolisches Triumphlied über mich — ein Bauchredner sondergleichen; aber höchst widerlich, selbst heute abend noch, nach einunddreißig Jahren ruhigeren Nachdenkens und kühlerer Überlegung!«

Neuntes Kapitel.

Der Oberst schwieg und fuhr sich mit dem Taschentuche über die Stirn. Man räusperte sich rund um den Tisch; der Förster und der Pastor hüllten ihre Verlegenheit in die dichtesten Tabakswolken, der Landphysikus schien die seinige in sich ertränken zu wollen, und alle drei — sonst gar nicht übele Leute — sahen in diesem Momente merkwürdig stupide aus. Fräulein Dorette Kristeller im Ehrenstuhle hatte sich soweit als möglich aus dem Lichtschein in die Dämmerung zurückgezogen; man hörte sie leise ächzen und seufzen, ja es schien sogar, als ob sie stoßweise in ihr Taschentuch hineinschluchze. Eine solche Geschichte erzählte man trotz allem nicht ungestraft, — selbst im Kreise seiner allerbesten Freunde nicht.

Dem alten Soldaten entging der gemachte Eindruck keineswegs, aber nachdem er seinerseits die widerliche Erinnerung mit einer Hand- und Armbewegung so zu sagen vom Tische gewischt hatte, stützte er beide Ellenbogen auf die Platte und schaute munterer denn je um sich. Er hatte, wie sich gleich auswies, noch extraordinärere Dinge in seinem späteren Leben durchgemacht, er hatte nicht wie die anderen still im Winkel gesessen, er hatte sich allerlei um die Nase wehen lassen, was die meisten Leute für Sturm genommen haben würden, er aber nur noch für Wind hielt. Er war nicht umsonst kaiserlich brasilianischer Gendarmerieoberst geworden.

»Lieber, guter August — Augustin,« flüsterte der Apotheker, »du bist als ein eigentumsloser Bettler in deiner Verwirrung in die Welt hinausgelaufen; — du hast mir das Erbe deiner Väter überwiesen —«

»So ist es! Niemals hat ein Mensch mit gleich leerer Tasche dem alten Europa den Rücken gewendet!«

»O meine Johanne — meine liebe, arme Johanne!« seufzte der Apotheker leise; aber da that der Abenteurer und Soldat einen sehr feinfühligen Griff in die Ideenfolge seines Jugendbekannten.

»Nein, nein, Philipp, bei allen Mächten, nein! es ist nicht so! Das ist nicht der Geschäftsgang zwischen Himmel und Erde! Du würdest sie doch verloren haben — o, um meine Hinterlassenschaft hat sie dir das Schicksal nicht sterben lassen! Was hatte ihr Dasein und Geschick mit dem zu schaffen, was alles an den Thalern hing, die ich damals auf der Flucht von mir warf und dir an den Hals, weil du mir zufällig zunächst standest. Das Kind ist nicht daran gestorben, Philipp! Ihr hättet ein schönes Leben auf die Erbschaft meiner Vorväter gebaut, wenn die Schöne, die Gute dir nicht doch hätte sterben müssen; und dann — — wer hier unter uns hat wohl ein besseres Los gezogen als sie?«

Die Frage erforderte eine Antwort, und jeder gab sie auf seine Weise, doch laut bejahete oder verneinte niemand. Der Apotheker »zum wilden Mann« drückte zum hundertstenmale dem Obersten Agonista die Hand, und dieser schüttelte sie ihm wiederum herzhaft und rief:

»Was kann es alles helfen — jeder erlebt sein Leben, und wer noch mit dem nötigen Humor davon zu erzählen weiß, der ziert jegliche Tafelrunde, und selbst die Weisesten, Ehrwürdigsten und Ehrbarsten können ihn ruhig ausreden lassen. Jetzo will ich einmal eine weise Bemerkung machen, nämlich daß der größte Verdruß der Menschen im einzelnen daraus entspringt, weil sie die Welt im ganzen für zu still halten. Meine Herrschaften, die Welt ist nicht still, und man muß den Wirrwarr nur recht kennen lernen, um das, was einem vom ersten Seufzer bis zum letzten passiert, nach dem richtigen Maße zu schätzen. Hol der Teufel die Narren, denen ihre vier Wände auf den Kopf zu fallen scheinen: steigt aufs Dach jedesmal, wenn's euch zu angst wird und überzeugt euch, daß das Firmament fürs erste noch nicht die Absicht hat, zusammenzubrechen. Also, ich stand ohne einen Heller in der Tasche auf dem Kai zu Neu-Orleans, so ungefähr in der Stimmung eines Menschen, der aus einem schweren Rausch erwacht, übernächtig sich die Stirn reibt und doch den kühlen Morgenwind mit Wohlbehagen auf seinen Schläfen fühlt. Was aus mir werden mochte, war mir ganz gleichgültig. Ich war zu allem bereit, zum Leben wie zum Sterben, und verkaufte, da ich Hunger hatte, um wenigstens das allernächste Behagen noch einmal festzuhalten, mein Halstuch und mein Taschentuch an einen wandernden Trödler. Traktierte darauf meinen ersten guten Bekannten auf amerikanischem Boden, den einarmigen Mulatten Aaron Toothache, und zwar in einem Lokale, in dem Volk zusammensaß, von welchem man hier am Tische kaum einen Begriff haben kann. Hier lernte ich einen Haufen Gesindel von vorbenanntem Fregattschiff der Republik Chile, dem braven ›Juan Fernandez‹, kennen, und wir gefielen uns gegenseitig. Wie die Bekanntschaft endlich im Schiffsraume des ›weißen Satans‹ auslief, habe ich euch bereits mitgeteilt.«