Sie waren ihm während der letzten Minuten alle auf den Leib gerückt. Sie schienen nach seinen letzten Äußerungen ihre geheime Scheu und Abneigung gegen ihn gänzlich überwunden zu haben! Sie waren ihm so dicht an die Ellenbogen gerückt, daß ihm die Luft auszugehen schien. Blasend machte er eine Armbewegung, um sie wieder ein wenig von sich zurückzudrängen, und wir — wir machen es vollständig umgekehrt, als die aufs Äußerste gespannten Lauscher in der Hinterstube der Apotheke »zum wilden Mann«: wir rücken ab vom Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieoberst Dom Agostin Agonista.

Was dieser wunderliche Erzähler jetzt zu erzählen hatte, war freilich bunt genug und voll Feuerwerk und Geprassel zu Wasser und zu Lande; allein das alles war doch schon von anderen hunderttausendmal erlebt und mündlich oder schriftlich, ja sogar dann und wann durch den Druck mitgeteilt worden. Wir lassen ihn, den Oberst Agonista so ungefähr um ein Uhr morgens noch einmal mit der flachen Hand über den Tisch streichen und seine jetzige Lebens- und Weltanschauungsweise in ein kurzes Wort zusammenfassen.

»Also im zweiten Jahre meiner Abfahrt von Hamburg stand ich als Gefreiter in dem Peloton, das als Executionskommando in den Festungsgraben befehligt worden war. Der Lieutenant hob den Degen, und — wir gaben Feuer: ich ohne Umstände wie die anderen. Von dem Augenblicke an war ich von meiner europäischen Lebensbürde vollständig frei. Ich machte mir aus dem Tage, der gestern war, und dem, der vielleicht morgen sein konnte, nicht das Geringste mehr; — juchhe, wie der Dichter stellte ich meine Sache auf nichts! So bin ich immer bei mir, und zwar bei mir allein gewesen: auf dem Marsche, wie in der Wachtstube, am Feuer in der Indianerhütte wie in den Salons der Präsidialstädte. Ja, meine Herrschaften, habe ich da drüben manchen Präsidenten in mancher Republik kommen und gehen sehen, habe selber geholfen, den Excellenzen Stühle zuzurücken oder sie ihnen unterm Sitze wegzuziehen, wie's sich gerade schickte. Venezuela machte mich zum Luogotenente, Paraguay zum Major; aber Seine Majestät Dom Pedro von Brasilien war am gnädigsten gegen mich, und so fand ich denn auch am meisten Gefallen an ihm. Wir beide haben jetzt manch liebes Jahr das vielfarbige Gesindel in Rio Janeiro zur Ordnung und Tugend angehalten: er durch regelrecht richtige konstitutionelle Güte, ich durch flache Säbelhiebe und im Notfall durch einen kurzen Galopp, drei Schwadronen hinter einander, rund über das Pack weg. Meine Herren und Sie, liebes Fräulein, Sie werden sicherlich noch einmal erschrecken und mich von der Seite ansehen; aber es ist nicht anders, und bei der Wahrheit soll der Mensch bleiben: wenn ich das Köpfen aufgegeben habe, so habe ich mich desto energischer auf das Hängen gelegt und gefunden, daß es eine viel reinlichere Arbeit ist und seinen Zweck ebenso gut erfüllt. Was aber das Gehängtwerden anbetrifft, so habe ich selber die Schlinge mehr als einmal um den Hals gefühlt, gottlob ihn aber stets noch glücklich herausgezogen. Ei ja, ich komme jetzt ganz gut mit jedermann aus — bin hoffähig und reite bei feierlichen Aufzügen am Kutschenschlage Ihrer kaiserlichen Majestäten. Komme ich nach Rio heim, so werde ich mich verheiraten; denn für ein ferneres junggesellenhaftes Umherschweifen wird's allmählich ein wenig spät. Doch davon morgen, und nun vor allen Dingen das letzte Glas von diesem höchst vortrefflichen Getränk und dazu ein Rat, Wunsch und Trinkspruch: Verehrte Freunde, da wir einmal da sind, so leben wir, wie es eben gehen will; und da das, was uns endlich aus dem Dasein hinausschiebt, immer am Werk ist, so schieben wir ohne Skrupel gleichfalls; — vor allen Dingen aber lebe er hoch — mein Freund, mein lieber, alter, guter Freund Philipp Kristeller und mit ihm wachse, blühe und gedeihe fort und fort seine Apotheke ›zum wilden Mann!‹«

Das riefen sie alle nach und klangen die Gläser an einander, und dabei erhoben sie sich und standen verwirrt, schwankend ob all des Abenteuerlichen, das der Abend enthüllt und gebracht hatte. Wie die Gäste Abschied von dem Hausherrn, seiner Schwester und dem Oberst Agostin Agonista nahmen, wußten sie selbst nachher kaum anzugeben.

Der Oberst aber sagte:

»Philipp, einen Schlafrock und ein Paar Pantoffeln bitte ich mir aus. Ich will es doch wenigstens einmal noch behaglich im deutschen Vaterlande haben.«

Die beiden Freunde vom Blutstuhl umarmten sich noch einmal; wir aber begleiten den Förster Ulebeule und den Pastor ein Endchen auf ihrem Wege nach ihren Wohnungen.

Zehntes Kapitel.

Daß sie, der Förster, der Pastor und der Landphysikus Dr. Hanff, ihren freundlichen Wirten gute Nacht oder vielmehr guten Morgen gesagt hatten, stand fest.

Der Apotheker hatte sie mit dem Lichte an die Thür begleitet, und sie standen auf der Landstraße, wo der Doktor seinen Einspänner bereits wartend fand. Sie vernahmen noch, wie der Hausherr drinnen den Schlüssel im Schloß umdrehte, und niemand hinderte sie jetzt mehr, ihren Stimmungen, Gefühlen und Ansichten die Thüren weit aufzuwerfen.