Die beiden Herren ließen sofort hinaufsagen: das thue ihnen sehr leid und sie wünschten von Herzen eine baldige Besserung; — nachher saßen sie noch bis gegen Mitternacht in der Bildergalerie zusammen und redeten, eingehüllt in Tabaksdampf, von ihrer Jugendzeit.
Als die Uhr Zwölf schlug, stand der Oberst auf und sagte herzlich:
»Du weißt doch nicht ganz, wie gut es mir hier zu Mute ist, Philipp. Wir wollen uns aber auch von nun an nicht wieder von einander trennen, Alter! Wir wollen von jetzt an ein Schicksal und ein Glück haben, nicht wahr? Nicht wahr, nicht wahr, es bleibt dabei, Philipp?«
»Es bleibt dabei,« stammelte Herr Philipp Kristeller, und dann ging der Oberst zu Bett. Er kannte jetzt den Weg zu seinem Schlafgemache bereits und brauchte kein Geleit mehr. Das »Flacon« mit dem »Kristeller« nahm er unter dem Arme mit wie am Sonntag das Gesangbuch seines Freundes. Aber vorher hatte er noch den Freund in den Ehrensessel niedergedrückt; und in dem Ehrensessel saß Herr Philipp noch eine Weile in der stillen Nacht und suchte zu überlegen, ehe auch er zur Ruhe ging.
Die Nacht war still, das Haus war still. Eben schlug es ein Uhr, als oben eine Thür knarrte und ein langsamer leiser Schritt die Treppe herabkam. Aus dem Überlegenwollen des Hausherrn im Ehrenstuhl des Obersten war ein ziemlich fester Schlummer geworden. Aus diesem Schlummer wiederum auffahrend, horchte Herr Philipp: da war der gespenstische Schritt an der Pforte des Hinterstübchens:
»Wer ist da?« rief der Apotheker auftaumelnd und mit beiden Händen schwerfällig sich auf die Lehnen des Armsessels stützend.
»Ich bin es, Bruder,« sagte Fräulein Dorette Kristeller, im langen weißen Nachtrock wie eine moralische Lady Macbeth hereinschwankend. »Ich bin es, Philipp; ich habe keine Ruhe mehr im Bette, keine Ruhe im ganzen Hause. Ich glaubte, hier noch einen warmen Ofen zu finden; aber nun ist es mir lieb, daß auch du noch wach bist, lieber Bruder; — o Bruder, Bruder Philipp, es ist wirklich und wahrhaftig sein Ernst!«
»Sein Ernst? Wessen Ernst?«
»Sein bitterer Ernst! O, ich habe es mir gleich so gedacht, als er dich zuerst so gemütlich auf die Schulter klopfte und ihr alle über seine wilden Pläne lachtet. Er meint es ja vielleicht auch gut mit uns; aber elend macht er uns doch. Philipp, er braucht Geld! er braucht sein Geld, und er ist gekommen, es zu holen!«
Der Apotheker »zum wilden Mann« sah das trostlose alte Jüngferchen plötzlich mit den glänzendsten, verständnisinnigsten Augen an.