Der Trost war wohl gemeint, aber er half wenig. Plötzlich brach die Schwester in ein helles, krampfhaftes Schluchzen aus:
»O grundgütiger Heiland, es wäre mir ja alles, alles recht, es kommt nur so sehr spät! Bruder, es kommt zu spät, dieses Elend! — Wäre dieser — Mann um zwanzig Jahre früher gekommen, so würde ich ja mit Freuden mit deinem Kopfkissen meine Bettdecke hingegeben haben; aber wahrhaftig, jetzt ist es für uns zu spät im Leben geworden! Die Hypothek, die auf dem Hause liegt, liegt auch auf mir wie ein Berg! Und dazu keinen — keinen Menschen, dem man seinen Kummer klagen kann, klagen darf — ja klagen darf!«
»Nein,« rief Herr Philipp Kristeller, allen Nachdruck seiner Seele in das Wort werfend, »nein, was wir hier tragen, das tragen wir für uns allein! Fremde Nasen dürfen wir gewiß nicht in unser jetziges Dasein hineinriechen lassen, Dorothea! Es wäre nicht zu rechtfertigen gegen den Freund — meinen Freund — meinen Freund vom Blutstuhle! Ach, fasse nur Mut, liebe Dorette, und mache mir vor allen Dingen keine solche verzweiflungsvollen Mienen, du sollst sehen, wir behalten den Kopf doch noch oben und führen auch unter den jetzigen Verhältnissen ein gutes und stilles Leben weiter. Was würde meine Johanne sagen, wenn sie bis heute mein Los mit mir geteilt hätte? Sieh, die Leute können wir denken und reden lassen, was sie wollen.«
»Und ich sehe sie schon vor mir, wie sie die Köpfe zusammenstecken; der Pastor und der Ulebeule, die Herren vom Gestüt, der Amtsrichter und der Doktor. Sie werden sich schöne Historien zusammenphantasieren und uns in einem bunten Lichte an die Wand hinmalen!«
»Laß sie! möge es nur dem alten tollen Freunde mit seinem jungen Glück gut gehen! Ich sage dir, liebe Schwester, schon die Gewißheit, daß niemand es so herzlich mit uns meint als er, wäre mir ein Trost, wenn es mir vielleicht auch noch so kläglich zu Mute wäre. Jetzt glaubt er, mit vollen Segeln seinem und unserem Glücke entgegenzuschwimmen; sieh, Alte, und sein Geld hat doch wenigstens zum zweitenmal einem Menschen für eine Stunde Behagen gegeben, was man wahrhaftig nicht von jedem Gelde sagen kann, und wenn es auch wie hier zwölftausend Thaler wären.«
Die Schwester erwiderte nichts hierauf, sondern zuckte nur die Achseln, welches ihr dann wieder Gewissensbisse machte. Sie stand auf, ging zum Fenster und sah in den nächtlich winterlichen, gleichfalls schwer mit Hypotheken belasteten Garten hinaus und wendete sich nach drei Minuten erst ins Zimmer zurück:
»Es schneit tüchtig, Bruder. Weißt du wohl noch, Philipp, welch ein Vergnügen und welche geheime Behaglichkeit wir gerade an diesem Tage am Schnee hatten?«
»Ei gewiß,« rief der Bruder, »wie wären wir sonst wohl dies Menschenalter durch so gut miteinander ausgekommen? Dorette, heute sind wir doch die richtigen Narren gewesen, daß wir uns zum erstenmal nicht einen Tannenbaum mit Lichtern besteckt haben. Allem zum Trotz hätten wir das thun sollen! Nun das nächste Mal! — im nächsten Jahre —«
»Wenn dein Freund vom Blutstuhle das Schiff mit den Fässern voll Gold und Edelsteinen geschickt hat, als Abzahlung — wenigstens für das Rezept zum Kristeller! O, und dafür dreißig Jahre lang da seinen Lehnstuhl frei gehalten zu haben!«
Das war echt weiblich und also nichts dagegen zu machen: der alte Herr Philipp hielt sich an sein eigen männlich und treu Gemüt, ließ sich das Wort nicht vor dem Munde abschneiden, sondern schloß seinen Satz: