In der Klosterkirche zu Köln stand der Mann mit dem weißen Bart vor dem Ketzergericht der christlichen Kirche; der naheste Jünger des Herrn war verklagt, und der Hohepriester des neuen Bundes zerriß den Rock im Rat seiner Richter.
Aber Gott nahm den Greis fort aus den Händen der Torheit und schenkte den Priestern die Schuld des zwiefachen Kreuzes. Er gönnte dem Meister der Demut, in Frieden zu sterben, und ließ der Gotteskindschaft des Zimmermannssohns seligsten Nachfolger eingehen ins ewige Licht.
Suso
Den sie als Bruder Seuß kannten von Schwaben bis nach Franken und dem die Gläubigen zuliefen wie vormals Johannes am Jordan, war eines Ritters Sohn aus Überlingen, der früh ins Kloster und als Jüngling nach Köln zum Meister Eckhart kam.
Da lernte er das Glück der Abgeschiedenheit und übte es so brünstig, daß er wohl zwanzig Jahre in seiner Zelle zu Konstanz blieb mit selbstgewählten Bußen, obwohl dem Knaben der Seewind und die Frühlingsblumen des Wunders holdeste Erscheinung waren.
Er tötete die Stunde, trank Lust aus Leid und lernte Gott lieben, bis ihm der Sinne Untergang der Wahrheit Aufgang wurde.
Dann endlich zog der Bruder Seuß mit grauem Bart aus seiner Wabe hinaus ins Menschenland, den Honig der ewigen Weisheit den Wartenden zu bringen.
So süß war seine Lehre und so beseligt sang sein Mund das Lob der ewigen Weisheit, wie nie die Stimme eines Predigers gesungen hatte.
Die nicht den Sinn verstanden, fühlten doch den Klang, der wie der Sang der Knaben, wie die farbigen Fenster und wie der Duft der Veilchen im Frühjahr war.
Darum hörten den Bruder Seuß die Frauen gern, hellhöriger als die Männer und dem Geheimnis der Brunnentiefe näher; sie liebten ihn schon, wenn seine Stimme gleich einer Nachtigall anschwoll im sursum corda der heiligen Messe.