Dann raffte er die Kreatur um sich aus allen Elementen, die bunten Vögel und die sanften Rehe, die stummen Fische und die stillen Falter, auch das Gewürm der Erde, das Laub und Gras der Wälder und der Wiesen, den Gries im Meer und alle Tropfen, die der Tau den Wiesen frühmorgens funkeln ließ, das Gestäube im letzten verirrten Sonnenstrahl und alle Glut der Berge; und schwollen an im Chor von tausend Tönen und fielen ein mit ihm: Empor zu Gott!
Er aber war nicht lässig in solcher Lust, er ließ die Stimme steigen gleich einem Strahl, ließ ihn zerstäuben und die Tropfen perlen, und jeder Tropfen sank in ein Herz; da wurden wach, die träge schliefen, und schraken auf, die in den Tönen die Bilder ihrer Wollust schmeckten, und traten in den Kreis der Kreatur und brachten ihren Tropfen dem Bruder Seuß, daß er ihn trüge: Empor zu Gott!
Auch die Gerechten, die dasaßen mit ihrer säuerlichen Pflicht und zwischen Gott und Kreatur den Hochmut ihrer Werke hatten, sie fühlten seinen Tropfen rinnen und zerschäumen in ihrer kalten Brust; das Herz brach auf und schäumte sein rotes Blut und wurde leicht von seiner Last der harten Menschenheit, und wurde Lust der Kreatur und flog der Stimme zu, der Stimme und dem Strahl: Empor zu Gott!
Der Gottesfreund
Was Eckhart, der naheste Jünger des Herrn, in Straßburg und Köln von der Ewigkeit lehrte, war nicht vergangen, weil es im Brunnen der eigenen Sprache Quellwasser blieb statt dem Latein der Scholasten.
Gottesfreunde hießen sie droben am Rhein die heimlichen Künder der Lehre; wie vormals die Jünger hielten sie abseits der Kirchengemeinde die frohe Botschaft lebendig, und wie die Jünger lebten sie zwischen Verfolgung und heimlicher Duldung ihr Dasein in Christo.
Die Hoffnung des Himmels, die Furcht vor der Hölle gaben der Kirche die Zügel, aber stärker als Hoffnung und Furcht war das Gewissen; und lange schon stand es bereit, vor Gott und der Menschheit das Recht und die Pflicht des evangelischen Daseins zu fordern.
Der aber ihr Meister war, kam und ging im Geheimnis: den großen Gottesfreund aus dem Oberland hießen sie ihn, Name und Herkunft blieben verborgen; kaum anders, als Jesus den Jüngern erschien, trat er hinein in den Kreis seiner Freunde als hohe und frohe Erscheinung.
Als Tauler in Straßburg, der Dominikaner, um seiner Redekunst willen berühmt war, bat ihn der Gottesfreund einst um eine Predigt, wie sich die menschliche Seele am höchsten und nächsten zu Gott aufschwingen möge?
Da wetzte der Meister sein Rüstzeug gelernter Scholastik und tat sich groß mit den Künsten der vierzigsten Beschauung und mit den vierundzwanzig Stücken, durch die der Geist erleuchtet würde vor Gott.